Tiflis. Ein Stadttag in den Osterferien. Noch zwanzig Minuten bis zur nächsten Sehenswürdigkeit. Wir hatten schon einiges gesehen, die Füße wurden schwerer, auch wenn wir uns eigentlich gefreut hatten, die Stadt zu erforschen.
Also brauchten wir eine neue Idee.
„Lasst uns eine Farbe suchen.“
Mehr war es nicht.
Eine Farbe. Rot. Gelb. Blau. Rosa. Grün. Und alles, was zu ihr gehört.
Innerhalb weniger Minuten veränderte sich die Stimmung. Der Spaziergang wurde zur Schatzsuche. Es wurde gezeigt, diskutiert, entdeckt und fotografiert. Die Stadt war auf einmal voller Dinge, die vorher niemand bemerkt hatte. Dabei waren sie die ganze Zeit da gewesen.
Color Walks sind keine neue Erfindung. Die Idee ist einfach: Man wählt eine Farbe und geht mit diesem Blick durch die Welt. Viele Menschen nutzen Color Walks als kreatives Projekt, als Fotospaziergang oder als Achtsamkeitsübung. Mich interessiert daran noch etwas anderes.
Wer Gelb sucht, findet Gelb.
Das klingt zunächst banal. Tatsächlich steckt darin eine erstaunliche Wahrheit über menschliche Wahrnehmung.
Denn das gilt nicht nur für Farben.
Unser Gehirn ist eine Suchmaschine. Es sortiert, filtert und hebt hervor, was zu dem passt, wonach wir Ausschau halten.
Wer nach Gründen sucht, warum das Leben gegen ihn arbeitet, findet häufig welche. Wer nach Beweisen sucht, nicht gut genug zu sein, entdeckt davon meist mehr als genug. Wer überzeugt ist, dass andere Menschen ihn ablehnen, wird Situationen finden, die genau diese Überzeugung bestätigen.
Unser Blick ist nicht neutral.
Wir sehen nicht einfach die Welt, wie sie ist. Wir sehen die Welt durch die Brille dessen, worauf unsere Aufmerksamkeit eingestellt ist.
Genau deshalb fasziniert mich der Color Walk so sehr.
Es ist nicht nur eine Möglichkeit, den Fokus zu verändern, sich selbst zu regulieren oder achtsamer zu werden. Es ist auch weit mehr als eine kreative Idee für schöne Fotos oder Urlaubspostkarten.
Mich begeistert das Paradox dahinter:
Wir reduzieren eine ganze Stadt auf eine einzige Farbe – und entdecken dadurch mehr von ihr.
Der Color Walk macht sichtbar, was sonst unbemerkt geschieht.
Eine einzige Farbe genügt, um die Wahrnehmung neu auszurichten. Auf einmal entsteht eine Verbindung zwischen Dingen, die scheinbar nichts miteinander zu tun haben. Eine Blüte, ein Besen, ein Taxi, ein Graffiti, ein Fensterrahmen. Die Farbe wird zum roten Faden, der alles miteinander verbindet.
Die Bilder sind auf solchen Spaziergängen entstanden. Sie zeigen keine spektakulären Landschaften und keine berühmten Sehenswürdigkeiten. Sie zeigen Alltag. Straßen. Hauswände. Marktstände. Pflanzen. Schilder. Fundstücke.
Mich interessiert dabei weniger die Farbe als die Frage, was mit dem Blick geschieht.
Das hat viel mit meiner Arbeit zu tun.
In der traumasensiblen Begleitung und in der ressourcenorientierten Arbeit geht es häufig um Orientierung. Wenn Menschen unter Druck stehen, wenn sie erschöpft, belastet oder überfordert sind, wird der Blick oft enger.
Das Nervensystem macht genau das, was es tun soll. Es konzentriert sich auf das Wesentliche.
Das Problem ist nur: Die Welt wird dabei kleiner.
Orientierung bedeutet, wieder wahrzunehmen, was ebenfalls da ist. Den Raum. Das Licht. Farben. Formen. Menschen. Bewegung. Die Umgebung wird nicht länger zur Kulisse, sondern wieder Teil der eigenen Erfahrung.
Ein Color Walk kann genau dabei unterstützen. Nicht als Therapie und nicht als Wundermittel. Sondern als überraschend einfache Möglichkeit, Aufmerksamkeit bewusst zu lenken. Aus Grübelschleifen zurück in den Kontakt mit der Welt. Aus Verengung zurück in einen größeren Blick.
In der Arbeit mit Ressourcen begegnen mir zudem immer wieder Farben. Manche Menschen entdecken in inneren Bildern oder Imaginationsübungen eine Farbe, die sie mit Kraft, Ruhe, Mut oder Lebendigkeit verbinden. Sie wird zu einer Art Begleiterin. Nicht weil die Farbe selbst magisch wäre, sondern weil sie etwas erinnert, stärkt oder wachruft.
Wer mit einer solchen Farbe durch die Welt geht, begegnet ihr auf einmal überall. An einer Hauswand. Auf einem Fahrrad. In einer Blüte. Auf einer Markise.
Die Umgebung beginnt zurückzusprechen.
Ich glaube, genau darin liegt die besondere Qualität eines Color Walks.
Er verbindet Wahrnehmung, Kreativität und Selbstregulation auf eine spielerische Weise. Kinder verstehen das sofort. Erwachsene oft etwas später. Doch die Wirkung ist erstaunlich ähnlich: Der Blick wird weiter. Die Welt wird reicher. Und das Leben zeigt sich wieder in mehr als nur einem einzigen Ausschnitt.
Die Collagen sind deshalb nicht nur eine Sammlung von Farben.
Sie sind eine Einladung.
Eine Einladung, genauer hinzusehen.
Eine Einladung, die eigene Aufmerksamkeit zu erforschen.
Und vielleicht auch eine Einladung zu der Frage:
Welche Farbe würde auftauchen, wenn sie heute etwas für dich tun dürfte?
