Über Wurzeln & Flügel und über die Liebe

Wir sitzen in der Küche. Die Eingangstür wird aufgeschlossen und plötzlich knistert Papier.
Sie hebt den Kopf, lauscht und dreht sich neugierig um. „Was ist denn da los?“, scheint ihr Blick zu fragen, noch bevor sie etwas sagt.
Dann kommt ihr Mann herein. Er hat etwas sehr Großes in der Hand. Einen Blumenstrauß. Noch ist er eingewickelt.
Dann wird das Papier geöffnet. Die Rosen werden sichtbar – so viele, so dicht, so rot, dass erst einmal nur gestaunt wird. Sie braucht einen Moment, um zu begreifen, was da vor ihr liegt.

„Womit habe ich das denn verdient?“, fragt sie.

Er sagt:
„Heute ist unser 60. Hochzeitstag.“

„Wirklich?“

Sie staunt und gibt ihm einen Kuss.
Dann übernimmt die Aufregung. In welche Vase kommen sie? Das ist nämlich eine Wissenschaft für sich. Und wo sollen sie stehen? Natürlich dort, wo das Licht am schönsten ist. Nur ist die Frau dort viel zu selten. Also wird ein neuer Ort gesucht.
Zwischendurch wird vergessen, wonach eigentlich gesucht wird. Und dann wieder, warum die Rosen überhaupt da sind. So ist das mit der Alzheimer-Demenz.

Und er sagt es immer wieder:
„Heute ist unser 60. Hochzeitstag.“

Das zu sehen hat mich über die Liebe nachdenken lassen.

Nicht über Verliebtheit. Nicht über Romantik. Sondern über die Liebe selbst.

Sechzig Jahre. Ich versuche mir vorzustellen, wie viele Menschen in einer solchen Ehe gelebt haben. Nach sechzig Jahren sind es längst nicht mehr nur die zwei Menschen, die sich einst begegnet sind. Da ist die junge Frau von damals, die Mutter, die Erschöpfte, die Mutige, die Suchende, die Verletzte, die Lachende, die Reisende, die gern ins Theater geht und Bücher einatmet, und die alte Frau von heute. Und auf der anderen Seite mindestens genauso viele Versionen eines Menschen. Mit all diesen Versionen hat man es zu tun, wenn man jemanden liebt.
Wer wirklich liebt, versucht nicht ständig, den anderen auf eine ältere Version seiner selbst zurückzuschrauben.
Liebe kann nichts Starres sein. Sie kann nicht erwarten, dass jemand bleibt, wie er einmal war. Sie muss sich mitbewegen. Sie muss atmen können.

Als mein erstes Kind geboren wurde, war ich 23 Jahre alt. Ich las schon immer gern Gedichte, und in einem kam etwas vor, das zu meiner Grundhaltung wurde: Es hieß, dass wir als Eltern die Aufgabe hätten, unseren Kindern Wurzeln und Flügel zu geben. Ich fand und finde das sehr stimmig.
Seit 28 Jahren versuche ich, Liebe so zu leben.
Nicht als Festhalten. Nicht als Besitz.
Sondern als eine Form von Verbundenheit, in der der andere wachsen, gehen, bleiben, sich verändern und immer wieder neu werden darf.
Die Liebe hält nicht deshalb, weil man den anderen festhält, sondern weil man ihm erlaubt, sich zu verändern.
Liebe fragt nicht: „Bleibst du so?“, sondern: „Wer bist du gerade?“ Oder sogar: „Wer wirst du noch?“

Veränderung richtet sich nicht gegen uns. Sie ist die Natur des Lebens. Menschen verändern sich, weil sie leben. Durch Freude, durch Krisen, durch Kinder, durch Verluste, durch Erfahrungen und durch das Älterwerden.

Niemand kann die Aufgabe übernehmen, die eigene innere Fülle dauerhaft herzustellen. Kein Mensch kann für einen anderen die Quelle von Lebendigkeit, Sicherheit und Ganzheit sein.

Darin liegt etwas sehr Befreiendes. Das ist keine Absage an die Liebe. Im Gegenteil. Es macht Liebe frei.
Liebe bedeutet nicht, niemanden zu brauchen.
Liebe bedeutet auch nicht, den anderen zu brauchen, um vollständig zu sein.
Sie bedeutet, aus einer tiefen Verbundenheit heraus gemeinsam durchs Leben zu gehen, ohne sich selbst dabei zu verlieren.
Freiheit und Verbundenheit sind keine Gegensätze. Sie gehören zusammen.

Und während ich ihm dabei zuhöre, wie er geduldig immer wieder sagt: „Heute ist unser 60. Hochzeitstag“, erweitern sich meine Gedanken zur Liebe noch ein Stück. Liebe ist auch:

„Ich weiß nicht mehr genau, wer du heute bist. Aber ich bin da.“

Das ist kein Festhalten-Wollen, kein Verändern-Wollen. Das ist Liebe.

Wenn ich an diesen sechzigsten Hochzeitstag denke, bin ich dankbar, dass er für mich eine Einladung war, über die Liebe nachzudenken. Über eine Liebe, die lebendig bleibt. Über eine Liebe, die sich mitverändert. Über eine Liebe, die begleitet, statt festzuhalten.
Und ich glaube, genau darin liegt ihre Reife.

In Wurzeln und Flügeln.