Es gab eine Zeit, da bestand mein Leben gefühlt aus Erklärungen.
Aus langen Nachrichten.
Aus noch längeren Antworten.
Aus Sätzen, die ich immer wieder neu angefangen habe, in der Hoffnung, dass es diesmal ruhiger wird. Klarer. Friedlicher.
Ich habe gelesen und zurückgelesen.
Ich habe Formulierungen geprüft.
Ich habe Fragen beantwortet, Punkt für Punkt.
Ich habe versucht, nichts falsch zu sagen.
Und trotzdem wurde es nicht still.
Auf eine Antwort folgte die nächste Frage.
Auf eine Klärung der nächste Vorwurf.
Auf einen Versuch, etwas einzuordnen, eine neue Deutung.
Irgendwann hatte ich das Gefühl, nicht mehr in einem Gespräch zu sein.
Sondern in etwas, das kein Ende findet.
Und nachts ging es weiter.
Halbe Sätze im Kopf.
Alte Szenen.
Neue Formulierungen.
Innere Gespräche mit Menschen, die gar nicht da waren.
Immer wieder dieselben Stellen.
Immer wieder der Versuch, es doch noch richtig zu sagen.
Man kann sich darin leicht verlieren.
Ich habe mich darin verloren.
Karussell.
Von außen sieht ein Karussell harmlos aus.
Fast heiter.
Ein Kreis, ein bisschen Musik, Bewegung, die nach Leichtigkeit aussieht.
Dieses hier war anders.
Es drehte sich und drehte sich.
Und je länger es sich drehte, desto weniger hatte ich das Gefühl, dass sich etwas bewegt.
Nur ich bewegte mich mit.
Im Kreis.
Um Worte, um Vorwürfe, um Erklärungen.
Bis irgendwann eine andere Frage auftauchte.
Nicht: Wie kann ich es noch besser erklären?
Nicht: Wer hat recht?
Nicht: Wer hat wen verletzt?
Sondern:
Dient das, was hier gerade geschieht, der Verbundenheit?
Ich habe die Frage zuerst nach außen gestellt.
Zu den Mails.
Zu den Gesprächen.
Zu dem, was zwischen uns stand und immer größer wurde.
Und dann kam sie zurück.
Zu mir.
Dient es der Verbundenheit, wenn ich mich immer weiter erkläre?
Dient es der Verbundenheit, wenn ich auf jede neue Schleife noch einmal antworte?
Dient es der Verbundenheit, wenn ich nachts wach liege und Gespräche weiterführe, die längst vorbei sind?
Oder halte ich damit etwas am Laufen, das längst keine Nähe mehr schafft?
Ich weiß nicht auf alles eine Antwort.
Ich weiß nur, wie leicht man glauben kann, Frieden müsse nur gut genug erklärt werden.
Und ich weiß, wie still es in mir wurde, als ich aufgehört habe, nach der vollkommen richtigen Formulierung zu suchen.
Nicht, weil damit alles gut war.
Nicht, weil plötzlich Klarheit da war.
Nicht, weil nichts mehr weh tat.
Sondern weil ich zum ersten Mal gemerkt habe, dass nicht jede Antwort verbindet.
Manches hält nur das Kreisen am Leben.
Und manchmal beginnt etwas Ehrliches genau dort, wo man nicht mehr alles auflösen will.
Wo man den Schmerz ernst nimmt, ohne sofort Recht zu verteilen.
Wo man spürt, dass etwas nicht gut ist, ohne es in hundert Sätzen beweisen zu müssen.
Wo man bei sich bleibt, auch dann, wenn gerade keine Einigung möglich ist.
Die Frage ist geblieben.
Leise.
Klar.
Fast schlicht.
Dient das, was hier gerade geschieht, der Verbundenheit?
Und manchmal führt einen diese Frage nicht näher zueinander.
Sondern zuerst näher zu sich selbst.
Zu mir selbst.
