Der Geruch von frisch gemähtem Gras ist das Erste, woran ich mich erinnere. Feucht. Kühl. Sommerlich. Wir standen oben am Berg in Südtirol. Unter uns das Tal, satt und grün. Vor uns der Hang. Über uns ein weiter Himmel, an den Rändern noch die weißen Spitzen der Berge. Ich war eingeschnallt. Neben mir mein Sohn, vierzehn Jahre alt, aufgeregt, strahlend, bei sich und gleichzeitig außer sich vor Vorfreude.
Wenn ich weiter zurückgehe, dann erinnere ich mich an diese Zeit als eine sehr volle Zeit. Vier Kinder. Viel Leben. Viel Nähe. Viel Spielplatz. Viel Backen. Viel Basteln. Viel Nähen. Viel Reisen. Und auch: viele durchwachte Nächte. Unglaublich anstrengend. Unglaublich intensiv. Und gleichzeitig so voll mit Sinn. Ich habe es geliebt, Mama zu sein. Besonders in diesen Jahren, in denen die Tage so dicht waren, so nah, so ungefiltert.
Wir waren damals im Urlaub in Südtirol. Mit meinen Eltern, mit Familie, mit all dem Gewusel, das entsteht, wenn viele Menschen gemeinsam unterwegs sind. Ein Berghotel, eine kurvige Straße, Wanderschuhe im Flur, Stimmen, Lachen, auch mal Genörgel. Wir wanderten viel. Nicht immer zur Begeisterung aller Kinder. Aber oft mit diesem leisen Versprechen: Oben wartet etwas. Eine Aussicht. Ein Moment. Und dann, auf einer dieser Wanderungen, sah mein Sohn einen Gleitschirmflieger.
Er blieb stehen. Schaute. Staunte
Und dann sagte er, ganz selbstverständlich: „Oh, das möchte ich auch machen. Mama, darf ich das bitte machen?“ Ich weiß noch, wie schnell meine Antwort kam. „Maxi, das geht leider nicht. Das ist einfach viel zu teuer.“ Und während ich das sagte, lief in mir schon alles an. Dieses innere Rattern. Vier Kinder. Urlaub ist ohnehin schon etwas Besonderes. Und das hier war kein kleines Extra. Das fühlte sich groß an. Nach einem echten Investment.
Er schaute mich an. Mit diesen Augen. Mit dieser Klarheit. Mit diesem jungen Gesicht, das manchmal plötzlich so weise wirkt, dass es einen selbst überrascht.
Und dann sagte er:
„Aber Mama, man muss doch in Erinnerungen investieren.“
Ich musste lachen. Nicht, weil es lustig war. Sondern weil er mich so direkt getroffen hatte. Ich zog ihn in den Arm. So halb lachend, halb gerührt. Und in mir wurde es weich.
Am nächsten Tag sind wir losgegangen.
Nur wir zwei.
Mit der Gondel nach oben. Dieses leise Klicken beim Anschnallen. Der Schirm lag auf der Wiese, die Leinen überall verteilt. Der Geruch von Gras. Noch feucht. Frisch. Dann loslaufen. Erst ein paar Schritte. Dann schneller. Dann kommt der Wind. Sommerwarm. Mild. Fast streichelnd. Und dann trägt es. Was mich bis heute wundert: Ich hatte keine Angst. Da war eher ein Kichern in mir. Ein Staunen. Dieses Gefühl, gehalten zu sein. Getragen. Weit.
Neben mir mein Sohn.
Glücklich.
Sehr glücklich.
Alles, was zählt.
Fünfzehn Jahre später sitze ich mit einem Fotobuch auf dem Schoß. Ein Geschenk seiner Frau zu ihrem zehnjährigen Miteinander. Ich blättere. Und schon nach wenigen Seiten habe ich feuchte Augen. Eigentlich schon gleich am Anfang bei den Worten meiner Schwiegertochter! Da sind Fotos. Worte. Erinnerungen von ihr von ihnen von uns allen, von Menschen, die ihn lieben. Und durch alles zieht sich etwas ganz Ruhiges und gleichzeitig ganz Kraftvolles:
Verbundenheit.
Gemeinsame Zeit.
Zuhören.
Dasein.
Sich sehen.
Ich lese und merke, wie mir ein Kloß im Hals wächst. Weil aus diesem Buch so viel Liebe spricht. Und weil ich sehe, wie er geliebt wird und diese Liebe weitergibt. Wie er Räume schafft, in denen Menschen sich begegnen können.
Dieses Jahr hat er seiner siebzehnjährigen Schwester Paragliden zum Geburtstag geschenkt.
Ich musste lächeln. Manches wird weitergegeben, ohne dass man es bewusst weitergibt. In der Forschung wird oft gesagt, dass es nicht die Dinge sind, die bleiben. Sondern die gemeinsamen Erlebnisse. Dass Beziehungen tragen. Dass geteilte Momente sich tiefer einschreiben als Besitz. Dass wir nicht nur im Moment leben, sondern auch in der Erinnerung – und in dem, was wir daraus machen.
Wenn ich heute auf diesen einen Satz zurückschaue, dann denke ich :“ Es war nie nur dieser Flug. Es ist die Summe aus all den kleinen und großen Entscheidungen, Zeit miteinander zu verbringen. Dinge möglich zu machen. Räume zu öffnen.
Der kleine Prinz sagt: Es ist die Zeit, die du für deine Rose verloren hast, die sie so wichtig macht.
Ich glaube, er hat recht.
Wie oft halten wir uns zurück? Und wann wäre es vielleicht dran, doch loszulaufen, zu fliegen?
„There is freedom waiting for you, On the breezes of the sky, And you ask „What if I fall?“Oh but my darling, What if you fly?“
by Erin Hanson
den Text von Erin Hanson gibt es übrigens als zauberhafte Postkarte bei, Thomas Grimm & THE BUTTIQUE
Bücher / Bezüge
Robert Waldinger & Marc Schulz The Good Life – und wie es gelingen kann Harvard-Studie zu Beziehung, Verbundenheit und erfülltem Leben ( Danke an Daniel Mertens und Dr. Julia Quante )
Meik Wiking The Art of Making Memories ( soweit ich mich erinnere Danke an max happel ) Über Erinnerungen, Sinneseindrücke, Rituale und bewusst gestaltete Momente
Daniel Kahneman ( danke an Alexander Dr. Schiller )Schnelles Denken, langsames Denken Unter anderem hilfreich für die Unterscheidung zwischen erlebendem und erinnerndem Selbst
Antoine de Saint-Exupéry Der kleine Prinz ( Danke an meine Patentante Ingrid) Besonders der Gedanke: Die geschenkte Zeit macht etwas bedeutsam
