Dienstags
Dienstags ist der Tag, an dem ich meine Schwiegermutter besuche.
Sie ist stark an Alzheimer erkrankt.
Dienstags läuft die Zeit anders.
Anders nicht im Sinn von schneller.
Anders im Sinn von ruhiger, genauer, bedachter.
Es ist ein stillerer Tag.
Ein Tag mit weniger Reizen, weniger Lärm, weniger Drängen.
Was sonst von außen unablässig einströmt, tritt zurück.
Gerade darin liegt etwas Kostbares.
In dieser anderen Zeit bekommen kleine Dinge ein anderes Gewicht.
Wir sitzen am Tisch.
Zwischen uns steht eine Schale mit Trauben.
Sie werden geordnet.
Nach Farben.
In Kreisen.
In kleinen Gruppen.
Dann wieder von vorn.
Es ist nicht wichtig, ob diese Ordnung bleibt.
Wichtig ist, dass da jemand sitzt, der mitgeht.
Bei Demenz verschwinden nicht nur Erinnerungen.
Es werden auch andere Dinge lauter.
Alte Ängste.
Alte Sätze.
Tiefe Überzeugungen.
Das, was ein Leben lang getragen, begrenzt oder festgehalten hat.
Darin liegt für mich ein ernster Gedanke.
Es ist wichtig, sich den eigenen Glaubenssätzen zu nähern.
Sie zu prüfen.
Nicht alles, was einen durchs Leben getragen hat, trägt auch ins Alter.
Und noch etwas wird in dieser Welt sehr deutlich: Körperlichkeit bekommt eine neue Bedeutung.
Umarmungen beruhigen.
Nähe beruhigt.
Wenn Aufregung groß wird, vor einem Geburtstag, vor Weihnachten, vor einem Arzttermin oder vor dem Friseur, hilft nicht jedes Wort.
Was hilft, ist da zu sein.
Was hilft, ist Nähe.
Was hilft, ist ein Körper, der Ruhe mitbringt.
Manchmal zeigt sich das auf eine Weise, die mich selbst erstaunt.
Wenn ich bei ihr schlafe, einfach nur da bin, einfach neben ihr liege, wird sie ruhiger.
Nicht nur für diesen Moment.
Oft wirkt diese Ruhe noch lange nach, bis in den nächsten Tag hinein.
Das ist etwas sehr Einfaches.
Und zugleich etwas sehr Großes.
Nicht alles lässt sich über Sprache erreichen.
Vieles über Anwesenheit.
Dienstage erinnern mich daran, dass Würde nicht an Leistung hängt.
Und dass Fürsorge oft in sehr kleinen Gesten liegt.
In einer Traube.
In einer Schale.
In einer Umarmung.
In einer ruhigen Hand.
In einem Bett, das für eine Nacht nicht nur Schlafplatz ist, sondern Beruhigung.
Dienstags läuft die Zeit anders.
Und gerade darin zeigt sich, was im Alltag so leicht verloren geht:
wie viel ein Mensch braucht, wenn Worte nicht mehr tragen.
Und wie viel Halt in etwas liegt, das nicht erklärt, nicht ordnet, nicht fordert.
Sondern einfach da ist.
Das ist auch ein Teil meiner Arbeit.
Ich begleite Menschen in Zeiten, in denen sich etwas verschiebt.
Wenn das Leben langsamer wird. Oder unübersichtlich.
Und neue Formen von Halt gebraucht werden.
