Der Tag liegt noch in meinen Händen

Heute kommt der Garten dran. Ich gehe zu den Blumenkästen. Die Erde vom letzten Jahr liegt noch darin, staubtrocken, ein Winterrest. Beim Auflockern bricht sie auf, grob, widerständig. Ich mische neue Erde dazu, gebe Wasser hinein, und mit einem Mal steigt dieser Geruch auf – feucht, dunkel, warm. Die Luft wird dichter davon. Ich halte einen Moment inne, atme ein. Die Hände sind ruhig geworden.
Es ist dieser alte Kontakt. Erde, die sich zwischen den Fingern löst, die nachgibt, die aufnimmt. Der Körper versteht es sofort. Hier beginnt etwas. Leben – unaufhaltsam.
Während ich die kleinen Geranien einsetze, ist der Sommer in mir längst da. Noch sind sie zart, unscheinbar, fast verloren in der frischen Erde. Und doch sehe ich sie schon hängen, schwer und üppig über die ganze Balkonlänge. Ich rieche ihren herben Duft. Ich höre das leise Summen. Bienen, dieses flirrende Stehen der Taubenschwänzchen in der Luft. Alles ist schon da, nur noch nicht eingetreten.
Ich muss schmunzeln. Dieser Gedanke, den man so oft hört: das Ziel von Anfang an im Blick haben. Wie ordentlich das klingt. Wie aufgeräumt. Und doch liegt etwas daran, das sich hier draußen ganz anders zeigt. Das Ziel steht nicht vor mir. Es liegt in meinen Händen. Es steigt mir als Geruch entgegen. Es zeigt sich überall um mich herum. In kleinen Knospen, in den grünen, fingernagelgroßen Perlchen, die aus den Kirschblüten geworden sind. In den Quittenblüten, die sich öffnen, als wüssten sie längst, was aus ihnen wird.
Schon am Morgen habe ich Zwiebeln geschnitten, Knoblauch gehackt, das erste Öl in den Topf gegeben. Drinnen beginnt das Ratatouille zu köcheln, während ich wieder nach draußen gehe. Es zieht sich durch den Tag, dieses leise Weitergehen. Draußen Erde, drinnen Hitze, Duft, langsames Eindicken.
Im Gewächshaus wende ich die Erde. Im Herbst hatte ich Blätter von den Kirschbäumen und von der Quitte mit eingearbeitet. Jetzt ist kaum noch Laub zu sehen. Alles ist Erde geworden. Still, zuverlässig, ohne Eile. Ich setze die Tomatenpflanzen ein. Auch ihr Geruch steigt sofort auf, grün, scharf, verheißungsvoll. Er trägt Verheißung in sich. Dicke, rote Früchte. Warm von der Sonne. Süß, auf eine Weise, die man nicht kaufen kann.
Und doch bleibt dieses Wissen: Eine Nacht reicht. Die Schnecken kommen lautlos. Im letzten Jahr haben sie alles geholt, einfach alles was ich gesetzt hatte. Kein Rest, kein Zögern. Nur Leere am nächsten Morgen. Ich pflanze trotzdem. Setze jede kleine Pflanze in die Erde, als hätte ich es nicht gesehen. Oder gerade deshalb.
Da ist es wieder, dieses Wozu, von dem Simon Sinek so gerne spricht. Nicht als großer Satz. Nicht als schöne Formel. Eher als etwas, das unter allem liegt. Ich pflanze nicht nur für Pflanzen. Ich pflanze für spätere Tage. Für Tomaten, die eingelegt werden, süß und sonnig. Für Johannisbeer-Baiserkuchen. Für Himbeeren auf Nachspeisen. Für Borretschblüten und Gänseblümchen im Salat. Für Kürbissuppe im Herbst. Für einen Tisch, an dem gelacht, geschmeckt und erzählt wird. Für dieses Zuhause, das nicht fertig ist, sondern immer wieder gemacht wird.
Zwischendurch gehe ich in die Küche. Das Ratatouille köchelt nun dunkler. Aubergine, Zucchini, Paprika, Tomate. Die Sauce wird sämig, legt sich glänzend um das Gemüse. Ich nehme das kleine Tütchen mit den letzten Lavendelblüten vom Vorjahr. Ein Rest Sommer, trocken und still. Ich zerreibe nur wenig davon zwischen den Fingern. Kein Parfum, kein Seifenton. Nur ein Hauch. Ein fernes Flirren am Rand, als hätte irgendwo hinter einer Steinmauer ein Feld geblüht.
Dann wieder Garten. Unkraut jäten. Erde glätten. Gießen. Schauen, was kommt. Die Holunderblüten sind noch winzige Knospen. Die Johannisbeeren kündigen sich an. Die Quittenblüten stehen hell zwischen den Blättern. Überall kleine Hoffnungsträger. Noch kaum etwas. Und doch genug, um den ganzen Tag zu füllen.
Am Abend sitzen mein Mann und ich auf der Terrasse. Vor uns das Ratatouille, frisches Baguette, ein Glas Wein. Der Garten liegt im letzten Licht. Die Bäume werfen lange Schatten. Der Tag steckt noch in meinen Händen, unter den Nägeln, im Rücken, in dieser warmen Müdigkeit.
Ich breche ein Stück Baguette ab und reiche es meinem Mann. Krümel fallen auf den Teller, saugen sich mit Sauce voll. Tomate, Olivenöl, Knoblauch, Kräuter. Ich tunke mein Brot hinein. Der erste Bissen ist warm, weich, satt.
Meine Hände sind müde. Mein Rücken auch.
Aber in mir ist Frieden.
Tief, einfach.
und Dankbar