Schon auf der Straße rieche ich den Grill.
Dieser tiefe Geruch von Sommer, Fleisch, Kohle und Familiennachmittagen zieht bis hinaus auf den Gehweg.
Vor dem Haus stehen die Tomatenpflänzchen dicht an dicht die Auffahrt hoch. Viel zu viele in viel zu kleinen Töpfen. Wie jedes Jahr.
Und wie jedes Jahr werden sie im Spätsommer wieder eine große, süße, sonnenwarme Freude sein.
Ich gehe die lange Garageneinfahrt entlang. Die Pflastersteine sind barfußwarm. Und man riecht sofort, dass gegossen wurde.
Diesen Geruch von Wasser auf heißem Pflaster.
Vorbei an den weißen Vorhängen unter der Pergola, die sich weich im Wind bewegen.
Dann biege ich links ab.
Und der Garten öffnet sich.
Ein kleines Paradies mitten in der Stadt.
Still genug, dass man keine Autos hört.
Eichhörnchen leben hier.
Eine Amsel mit ihrer Familie.
Ein Buntspecht kommt vorbei.
Und eine alte Katzendame aus der Nachbarschaft, die regelmäßig vorbeikommt und sich irgendwo zwischen Sonne und Schatten ausruht.
Das kleine Häuschen wird an solchen Tagen wieder voll.
Es gibt etwas zu feiern. Einen Geburtstag. Einen nahenden Muttertag. Einen dieser Anlässe, bei denen alle wieder aus verschiedenen Richtungen zusammenkommen.
Mit kurzen Wegen.
Mit weiten Wegen.
Mit sehr weiten Wegen.
Alle Kinder sind da.
Und fast alle Enkelkinder.
Der Jüngste ist fünf.
Der Älteste achtundzwanzig.
Im hinteren Teil des Gartens steht noch immer die rote Schaukel. Sie bewegt sich langsam im Wind.
Der Sandkasten löst sich seit Jahren langsam in den Garten hinein auf. Mal bekommt er einen neuen Balken, mal frischen Sand. Er hält sich durch Zuwendung. Und bleibt doch Sandkasten.
Vor einiger Zeit musste eine alte Pappel gefällt werden.
Jetzt steht dort ein Ahorn.
Die alte Frau nennt ihn ihr „tanzendes Bäumchen“.
Im Herbst trägt er feuerrote Blätter und streckt seine Äste weit in den Garten hinein.
Im alten Schuppen, der vor vielen Jahrzehnten einmal ein Ziegenstall war, liegen Dartscheiben, Sonnenschirme, Polster, Decken zum Lagerbauen und allerlei anderes wichtiges Zeug.
Seine Wände sind innen noch immer besprayt. Ein letzter Hauch alter Teenagerzeit.
Alles summt und flirrt.
Ein sonnenwarmer, selbstverständlicher Tag.
Und gleichzeitig ein ganz besonderer.
Auf dem Tisch stehen Schüsseln, Salate und selbstgemachte Cevapcici, die sofort an frühere Urlaube erinnern. An lange Fahrten. An Sommer.
Überhaupt steckt hier vieles voller Erinnerung.
Auch die Gießkannen.
Jedes Enkelkind hat einmal eine bekommen. Und alle stehen noch da.
Die alte Frau sitzt im Liegestuhl, die Beine hochgelegt, und schaut dem ganzen Treiben zu.
Den Kindern.
Dem Grillrauch.
Dem Kommen und Gehen.
Und dann sagt sie:
„So habe ich mir das früher vorgestellt.“
Ihr Blick geht in die Runde.
„Früher wollte ich immer diese gesetzten Essen. Mit Menüfolge und allem. Eigentlich war ich da immer nur gestresst.“
Ihr Blick streichelt den Garten.
„So ist es doch viel schöner. So ein dahingegossener Familientag.“
Dieser Satz bleibt in mir hängen.
Dahingegossen.
So liegt dieser Nachmittag da.
Zwischen Grillrauch, Kinderstimmen und warmem Pflaster.
Zwischen allem, was noch da ist, und allem, was schon leiser wird.
Die alte Frau vergisst inzwischen viel.
Vieles verrutscht.
Nicht die Menschen verrutschen.
Aber die Zeiten.
Die Daten.
Die Reihenfolgen.
An diesem Nachmittag gratuliert sie einem ihrer Söhne mehrmals zum Geburtstag.
Und dann sagt sie stolz:
„Das ist mein großer Sohn.“
Er fragt sie lachend:
„Mama, wann wird man denn groß? Wann ist man denn erwachsen?“
Und dann antwortet sie:
„Ach … ehe es soweit ist, wird man schon wieder kleiner.“
Und plötzlich wird es still in mir.
Dieser Satz ist nicht geschniegelt. Nicht klug formuliert. Nicht gemacht.
Er fällt einfach aus ihr heraus.
Und gerade deshalb trifft er so tief.
Darin steckt alles.
Das Älterwerden.
Das Müderwerden.
Das Bedürftigwerden.
Und auch etwas darüber, wie Anfang und Ende sich berühren.
Wie Menschen am Ende oft wieder weicher werden.
Langsamer.
Abhängiger.
Nicht lächerlich klein.
Menschlich klein.
Während um uns herum weiter gegessen, gelacht und gegrillt wird, sitzt sie in ihrem Liegestuhl und schaut in den Garten.
Der Grill raucht.
Die Schaukel bewegt sich leise im Wind.
Irgendwo ruft ein Kind.
Und in mir bleibt dieser Satz:
Ehe es soweit ist, wird man schon wieder kleiner.
