Das Wasser streicht über meine Haut, der Atem zieht rau durch den Schnorchel. Vor mir taucht das Paddel meiner Tochter ein. Jeder Schlag setzt Diamanten ins Blau. Ich schwimme hinter ihr her, Zug um Zug.
Eine von uns musste schwimmen – das alte Brett hatte keine Kraft für uns beide. Gemeinsam hatten wir es zum Meer hinuntergetragen. Schwer lag es auf unseren Armen. Als wir beide darauf kletterten, sank es beinahe unter uns weg. Also sitzt sie jetzt vor mir, ruhig und selbstverständlich, und paddelt. Ich folge ihr.
Mein Arm geht nach vorne, taucht ein, zieht bis zur Schulter. Mein Atem geht gleichmäßig durch den Schnorchel. Vor mir hebt und senkt sich das Paddel, verschwindet kurz und hinterlässt einen Wirbel aus Luftblasen. Kleine Diamanten, die zur Oberfläche tanzen. Unter mir öffnet sich das Blau. Ein Blau, so weit das Auge reicht. Die Sonne fällt in langen Bahnen hinein, Lichtstrahlen gleiten in die Tiefe und verlieren sich irgendwo dort unten.
Ich schwimme und schwimme. Ein Atemzug. Ein Zug. Ein Atemzug. Ein Zug. Irgendwann weiß ich nicht mehr, ob ich mich überhaupt bewege. Es gibt nur noch Wasser, Atem, Bewegung. Und während ich mit diesem Blau eins werde, werde ich durchlässiger.
Ich kenne diesen Atem. Ich kenne das Geräusch im Schnorchel, das Wasser um meinen Körper, dieses gleichmäßige Ziehen der Arme.
…. Mein Vater pumpt das Schlauchboot auf und trägt es zum Meer. Ein großer Stein liegt darin. Wir drei Kinder folgen ihm und klettern aus dem knietiefen Wasser hinein, mit Masken, Schnorcheln und manchmal Flossen bepackt. Mein Vater zieht das Boot hinter sich her. Dort, wo das Wasser tiefer wird, nimmt er das Seil zwischen die Zähne und beginnt zu schwimmen. Seine Schultern arbeiten gleichmäßig. Sein Rücken hebt und senkt sich mit jedem Zug. So zieht er uns hinaus aufs Meer.
Heute staune ich über diese Kraft. Damals war sie selbstverständlich.
An der richtigen Stelle hält er an, nimmt das Seil aus dem Mund und reicht es mir. Ich wickle es um den großen Stein, mache ihn zu unserem Anker und darf ihn ins Meer werfen. Dann springen wir alle aus dem Boot.
Unter uns Krebse, bewachsene Steine, kleine schimmernde Fische, die durch unsere Netze huschen. Ein kleines Riff, für andere kaum der Rede wert. Für uns eine ganze Welt. Wir lernen, wie man einen Krebs von hinten hält, ohne gezwickt zu werden. Wir sehen Muscheln. Viele Muscheln. Wir lassen sie dort. Keiner von uns möchte ihr Leben beenden, nur um etwas mit nach Hause zu nehmen.
Die Erinnerungen kommen von selbst. Leise. Wie Licht, das bis auf den Grund fällt. Eine tiefe, grün-goldene Dankbarkeit erreicht mein Herz. Auch meine Mutter ist da. Ihre Erinnerungen kommen leiser, nicht so zahlreich. Aber sie kommen. Ich nehme sie behutsam auf.
Trauer erfüllt mich. Liebe breitet sich samten aus. Der Schmerz ist auch da. Bekommt Nachbarschaft.
Schmerz, Trauer, Liebe und Schönheit dürfen nebeneinander stehen. Nichts davon muss das andere wegmachen.
Langsam wird das tiefe Blau heller. Dann türkis, schließlich grün. Seegras bewegt sich unter mir und der Grund wird sichtbar. Und dann dieser Lichtertanz. Die Sonne bricht sich im Wasser und wirft tanzende Flecken auf meinen Arm. Gold, Blau, Licht. Sie bewegen sich über meine Haut, verschwinden, tauchen wieder auf. Ich könnte ihnen ewig zusehen.
Vor mir erreicht meine Tochter den kleinen Strand. Ich sehe ihren Stolz schon aus der Entfernung. Das Brett schaukelt auf den kleinen Wellen.
Unter mir kommt der Boden näher. Seegras. Steine. Sand. Meine Füße berühren den Grund.
Wir ziehen das Brett aus dem Wasser und machen Rast. Sitzen am kleinen Strand, schauen aufs Meer, essen etwas, trinken, lassen die Arme ausruhen. Hinter uns stehen die Pinien über den Felsen, ihr Duft mischt sich mit dem Salz auf meiner Haut.
Irgendwann schieben wir das Brett wieder ins Wasser und machen uns auf den Rückweg.
Als wir viele Stunden später wieder dort ankommen, wo wir aufgebrochen sind, werden wir geschimpft.
So weit draußen. So lange weg.
Ich lächle.
Und merke, dass ich zwei Schätze mitgebracht habe: diesen Tag mit meiner Tochter und etwas aus meiner eigenen Kindheit, das wieder zu mir gefunden hat.
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Warum ich das hier teile?
Ich erzähle gerne Geschichten. Und ich schreibe über Familienbruch nicht nur aus beruflichem Interesse. Ich kenne ihn aus meinem eigenen Leben. Meine Mutter hat den Kontakt zu mir abgebrochen. Das gehört zu meiner Geschichte, und ich möchte damit transparent umgehen, statt darüber zu schweigen.
Gleichzeitig möchte ich zeigen, dass es Wege gibt, mit solchen Erfahrungen zu leben und zu arbeiten. Vieles davon hat mein eigenes Leben und später auch meine berufliche Arbeit geprägt. Denn auch nach tiefen Brüchen kann ein gutes, selbstbestimmtes Leben entstehen. Nicht allein durch positives Denken und auch nicht durch eine einzelne Methode. Für mich ist es ein Zusammenspiel aus Haltungsarbeit, innerer Ausrichtung, Lesen und Verstehen, professioneller Begleitung und Erfahrungen, die nicht nur im Kopf stattfinden, sondern auch im Körper spürbar werden.
Zu dieser inneren Ausrichtung gehört für mich ganz wesentlich Dankbarkeit. Nicht als Aufforderung, das Schwere schönzureden oder Verletzungen kleinzumachen. Sondern als bewusste Frage: Worauf richte ich meinen Blick? Was war und ist trotz allem kostbar? Wo ist Liebe? Wo Schönheit? Wo Verbundenheit?
Ein Satz begleitet mich dabei schon lange: When I die, I will die with an open golden heart.
Dazu gehört für mich auch, wahrzunehmen, wenn Bitterkeit entsteht. Ich möchte auch sie nicht verurteilen. Für mich ist sie eher ein Hinweis: Da ist noch etwas, das nicht ganz seinen Platz gefunden hat. Ein Schmerz, eine Trauer, eine Wut, die gesehen werden möchte. Dann kann ich mich dem zuwenden, statt bitter darüber zu werden, dass da Bitterkeit ist.
Und zugleich kann ich mich immer wieder ausrichten. Auf das Gute. Auf Dankbarkeit. Auf Mitgefühl, Freundlichkeit und Wohlwollen. Auf eine Demut vor dem Leben und vor all dem, was sich nicht mehr ändern lässt. Diese Ausrichtung bedeutet für mich nicht, alles gutzuheißen oder jede Beziehung erhalten zu müssen. Ein offenes Herz darf klare Grenzen haben.
Genau das geschieht für mich im Wasser. Die guten Erinnerungen müssen den Schmerz nicht widerlegen. Sie dürfen dazukommen. Ich kann sie wahrnehmen, ihnen Raum geben und sie als etwas Kostbares anerkennen. Schmerz, Trauer, Liebe, Dankbarkeit und Schönheit dürfen gleichzeitig da sein. Der Schmerz bekommt Nachbarschaft.
Das ist für mich kein Zufall und auch keine einzelne Übung, sondern etwas, das über Jahre gewachsen ist. Dabei haben mir unter anderem die Drei-Säulen-Methode und professionelle Begleitung geholfen. Solche Prozesse erschließen sich aus meiner Erfahrung nicht allein durch Bücher. Lesen kann viel anstoßen und verständlich machen. Die eigene Erfahrung geht weiter.
Und noch etwas bewegt mich dazu, so offen darüber zu schreiben: In meiner Arbeit erlebe ich, dass Menschen mir auch deshalb Vertrauen schenken, weil sie wissen, dass ich manche dieser Erfahrungen selbst kenne. Das bedeutet ausdrücklich nicht, dass gute Begleitung eigene Betroffenheit voraussetzt. Es gibt großartige Therapeut:innen und Begleiter:innen, die Menschen sehr gut zur Seite stehen, ohne dasselbe erlebt zu haben. Eigene Erfahrung kann aber eine andere Form von Nähe und Vertrauen ermöglichen.
Beim Lesen von Gisèle Pelicots Eine Hymne an das Leben: Die Scham muss die Seite wechseln ist mir noch einmal deutlich geworden: Wir dürfen uns zeigen. Auch mit den Teilen unserer Geschichte, über die in Familien und in der Gesellschaft häufig geschwiegen wird.
Wer tiefer einsteigen möchte, findet hier drei Bücher, die mich auf diesem Weg besonders geprägt haben. Sie waren für mich Ausgangspunkte zum Verstehen und Weiterarbeiten – kein Ersatz für Begleitung.
Drei Werke, die für mich zentral waren:
Mary D. Salter Ainsworth, Mary C. Blehar, Everett Waters und Sally N. Wall – Patterns of Attachment: A Psychological Study of the Strange Situation (1978). Eine Grundlagenarbeit der Bindungsforschung, in der unterschiedliche Bindungsmuster auf Grundlage der „Strange Situation“ empirisch untersucht wurden.
Daniel P. Brown und David S. Elliott – Attachment Disturbances in Adults: Treatment for Comprehensive Repair (2016). Das Buch verbindet Bindungsforschung mit einem therapeutischen Ansatz für Erwachsene und beschreibt unter anderem die Drei-Säulen-Methode sowie die Arbeit mit Ideal Parent Figures und geleiteter Imagination.
Verena König – Trauma und Beziehungen (2024). Zugänglich geschrieben und mit vielen Beispielen dazu, wie frühe Beziehungserfahrungen bis ins Erwachsenenleben wirken können und welche Rolle Körperwahrnehmung, innere Anteile und Imagination in der Arbeit damit spielen können.
