Die gestimmte Mitte

Manchmal stolpere ich über ein Bild und merke erst später, warum es mich nicht loslässt. Dieses Bild hat genau das getan. Nicht, weil es mir etwas erklärt hätte, sondern weil es etwas in mir berührt hat, das gerade sehr lebendig ist.

Gestern musste unser Urlaub verkürzt werden, weil eine Beerdigung ansteht. Das war nicht verhandelbar und auch nicht „gegen uns gerichtet“. Es war einfach so. Und genau dieses „einfach so“ ist manchmal das Schwerste.

Meine Tochter war traurig und enttäuscht. Das hat mich getroffen, nicht aus Schuld und nicht aus der Frage, ob ich zu streng oder zu nachgiebig war. Es hat mich getroffen, weil ich selbst länger hätte bleiben wollen. Weil ich selbst enttäuscht war. Ihr Betroffensein hat mein eigenes Betroffensein sichtbar gemacht – wie ein Spiegel. Und genau daraus entstand dieser schmerzliche Punkt: Es lässt sich nicht lösen. Es lässt sich nicht gut machen. Es lässt sich nur tragen.

In diesem Moment denke ich an dieses Bild.

Links und rechts sind Stimmen, die drängen. Man kann sie als äußere Umstände lesen – Termine, Pflichten, Ereignisse, die sich nicht verschieben lassen. Und man kann sie als innere Regungen lesen – Traurigkeit, Widerstand, der Wunsch, dass es anders wäre. Sie sind nicht falsch. Sie sind nur laut. Und sie wollen, dass etwas sofort „rund“ wird.

In der Mitte ist Stille. Nicht als Abwehr, nicht als Wegdrücken, sondern als ein inneres Bleiben. Diese Mitte fühlt sich nicht angenehm an. Sie ist kein Hochgefühl. Aber sie ist auch kein Zusammenbruch. Sie ist die Fähigkeit, Gleichzeitigkeit auszuhalten: Trauer und Urlaub, Verantwortung und Enttäuschung, Zuneigung und Begrenzung.

Und dann ist da oben dieser Barcode.

Er wirkt auf den ersten Blick wie ein Detail. Aber für mich kippt er das Bild in eine zweite Ebene: Ein Barcode macht etwas lesbar für ein System. Er verwandelt etwas Lebendiges in einen Vorgang, in eine Nummer, in „das ist es“. Er steht für Ordnung von außen: Termin, Ablauf, Einordnung. Während innen etwas weh tut, läuft außen die Logik der Organisation weiter. Genau da reibt es sich: Das Menschliche in der Mitte lässt sich nicht scannen.

An dieser Stelle kommt Nietzsche in meinen Kopf. Nicht als harte Ansage, eher als nüchterner Begleiter in solchen Momenten. Bei ihm steht sinngemäß: Es gibt keinen fertigen Weg, den man einfach nehmen kann. Und es gibt ein Gehen, das niemand abnehmen kann. Zwei Sätze, die sich in mir miteinander verschränken: „Den Weg – den gibt es nicht.“ Und: „Einsamer, du gehst den Weg zu dir selber.“

Das ist auf eine seltsame Weise tröstlich. Denn wenn es „den Weg“ nicht gibt, muss auch nichts perfekt gelingen. Dann gibt es nur den nächsten Schritt, so gut es eben geht. Und dieses Gehen „schafft“ einen – im doppelten Sinn: Es macht müde, weil nichts schnell zu lösen ist. Und es schafft etwas in einem, ganz leise: mehr Stand, mehr Innigkeit, mehr Fähigkeit, nicht zu fliehen.

Wichtig ist mir dabei: Es muss nichts „Tolles“ dabei herauskommen. Manchmal ist das Ergebnis nur, dass es gehalten wurde. Dass niemand beschämt wurde. Dass die Traurigkeit Platz hatte, ohne dass sie alles übernimmt.

Hier berührt sich das für mich mit Tagore. Er schreibt in Bildern von Musik und von einem Instrument, das gestimmt werden muss. Dieses Stimmen ist keine Romantik, sondern Spannung und Geduld. Erst wenn etwas innerlich gestimmt ist, kann es überhaupt klingen – nicht als schöne Fassade, sondern als tragfähiger Ton.

Vielleicht zeigt dieses Bild genau diesen Moment: Noch keine Musik. Noch kein „Alles ist gut“. Aber ein inneres Stimmen mitten im Lärm. Ein Bleiben, obwohl es weh tut. Und das Wissen, dass manches nicht lösbar ist, sondern nur aushaltbar.

Diese Mitte ist kein Ziel. Sie ist ein momentaner Zustand. Vielleicht nur für Sekunden. Aber manchmal reichen Sekunden, damit etwas nicht kippt. Damit man bleibt. Und damit später wieder Verbindung möglich wird – nicht als schnelle Reparatur, sondern als ein ruhigerer Ton.

p.s. das Bild ist von dem wunderbaren Künstler Oleg Bogomolov ein Ausflug auf seine Seite lohnt sich auf alle Fälle
http://www.bogomolovart.com/