Diesseits der Tränengrenze

Noch bin ich diesseits der Tränengrenze.
Die Luft schmeckt schon nach Salz. Fein. Kaum da. Und doch genug, dass ich es wahrnehme.
Ich kenne mich hier nicht aus. Stehe am Rand. Bin noch nicht bereit. Bin unbereit. Aber vorgewarnt.
Ich weiß nicht, wie sich Abschied anfühlt. Ich merke nur, dass er langsam näherkommt.
Ich merke, wie schwer ein Herz werden kann, wenn es einen Menschen liebt.
Ich spüre, dass etwas in mir bereits die Schuhe auszieht für das Land, das vor mir liegt.
Sie schläft. Das Morphium wirkt. Im Zimmer ist es stiller geworden, aber nicht still. Ein Atem geht durch den Raum. Ein Gerät piepst in seinem eigenen Takt. Auf dem Monitor steigt ein Licht und fällt wieder ab.
Steigt. Fällt. Steigt. Fällt.
Ein Rhythmus, auf den ich mich verlasse, weil ich mich gerade auf so wenig verlassen kann.
Ohnmacht und Hoffnung gehen neben mir her. Sie wechseln sich nicht ab. Sie tanzen ineinander. Manchmal trägt die eine. Manchmal die andere.
Noch einmal nach Hause. Noch einmal Morgenlicht. Noch einmal eine Hand auf der Decke. Noch einmal eine winzige Stelle, auf der das Leben landen kann. Vielleicht die Nasenspitze. Vielleicht ein Lächeln. Vielleicht nur ein Hauch zwischen zwei Schmerzen.
Ich bleibe offen. Nicht tapfer. Einfach offen.
Ich stehe vor etwas, das größer ist als Worte.
Die Tränen sind noch nicht geflossen. Aber sie sammeln sich schon unter der Haut. Leise. Warm. Unaufhaltsam.
Die Herzhaut wird dünn. Durchlässiger als sonst. Hellhörig für alles, was schmerzt. Sie ahnt den Regen. Weiß, dass sie durchnässt werden wird. Bis in die tiefsten Schichten.
Und zum ersten Mal wünsche ich mir nicht, trocken zu bleiben.
Denn was wäre die Alternative?
Nicht zu lieben. Sich fernzuhalten. Die Türen geschlossen zu lassen.
Nein.
Wenn die Herzhaut durchnässt wird, dann nur, weil sie offen war. Weil sie den Mut hatte, sich berühren zu lassen. Weil sie Ja gesagt hat. Zu einem Menschen. Zu einer Familie. Zu einem Leben.
Zu dem, dass sich Kriese schließen dürfen weil sie nach Vollendung streben
Draußen steht der Friedensengel unter einem Himmel, der den Regen das Durchnässen schon kennt.
Ich sitze am Fenster. Sie schläft. Das Licht auf dem Monitor steigt und fällt. Der Himmel verdunkelt sich langsam.
Meine Herzhaut ist offen.
Ich suche weiter nach einer Stelle, auf der das Leben landen kann.

bin diesseits der Tränengrenze.

Warum ich diesen Text hier teile?

Weil Trauer nicht erst mit dem Verlust beginnt.

Sie beginnt oft früher. In Krankenhauszimmern. Auf Fluren. In Wartezeiten. In Blicken. In Momenten, in denen Hoffnung und Ohnmacht gleichzeitig im Raum sind.

Mich beschäftigt, wie Menschen in solchen Situationen anwesend bleiben können, ohne innerlich zu zerfließen. Wie Liebe spürbar bleiben darf, auch wenn sie weh tut. Wie große Gefühle zugelassen werden können, ohne dass sie alles überfluten.

In der traumasensiblen Arbeit geht es nicht darum, Schmerz wegzumachen. Es geht darum, einen inneren Ort zu finden, an dem Schmerz gehalten werden kann. Einen Rhythmus. Einen Atem. Eine kleine Stelle, auf der das Leben noch landen kann.

Diesen Text teile ich deshalb nicht nur als persönliche Geschichte. Ich teile ihn, weil er von etwas erzählt, das viele Menschen kennen: vom Aushalten des Unhaltbaren. Von der Kraft, offen zu bleiben. Und von der leisen Würde, die darin liegt, zu lieben, obwohl klar ist, dass Liebe verletzlich macht.