Sechs Kerzen im Februarwind – Ein Text über Trauer ohne schnellen Trost

Wo darf man klagen?
Wo darf man wimmern?
Wo darf Schmerz einfach sein, ohne dass er sofort einen Sinn bekommen muss?

Zehn Tage nach der Beerdigung standen wir wieder auf dem Friedhof.
Er wäre sechsundvierzig geworden.

Die Beerdigung selbst war nicht falsch gewesen.
Der Pfarrer hatte sich Mühe gegeben.
Es wurden Psalmen gesprochen, von Ewigkeit war die Rede.
Und doch fühlte es sich für mich emotional unbewohnbar an.

Sechs Kinder stehen da.
Und ihr Vater ist tot.

Was hilft Unsterblichkeit im Himmel,
wenn hier unten jemand fehlt?

Also buk ich seinen Lieblingskuchen.
Packte Teller und Becher ein.
Getränke.
Kerzen.

Vier große rote Grablichter – für die vier Jahrzehnte seines Lebens.
Und sechs kleinere Lichter – für die sechs Jahre bis zu seinem sechsundvierzigsten Geburtstag.

Dass es ausgerechnet sechs Kinder waren, traf mich auf eine stille Weise:
Jedes Kind sollte eine Kerze anzünden können.

Es war Februar.
Der Friedhof war matschig.
Der Wind ging quer über die Gräber.
Leere Kerzenhüllen rollten über den Kies.

Schon das Anzünden war ein Kampf.
Der Wind blies die Flammen aus.
Die großen Lichter wollten nicht greifen.
Selbst mit Aufsätzen hielt es nicht.

Irgendwann stellte ich die großen Lichter wieder in den Karton zurück.
Nicht zum Einpacken.
Als Schutz.

Oben offen, dicht beieinander, im Windschatten.
So blieben die Flammen endlich an.

Und da war dieser schlichte Satz:
Manchmal ist Schutz nicht schön.

Das fühlte sich auf eine fast alberne Weise unerquicklich an:
Ich wollte es schön machen.
Und nun standen die Kerzen im Karton.

Als ließe sich Tod „schön machen“, wenn man sich nur genug Mühe gibt.
Und als müsste man dann doch merken:
Manches bleibt unschön.
Auch mit Kerzen.
Auch mit Kuchen.

Auch die kleinen Lichter ließen sich nicht einfach entzünden.
Streichhölzer brachen.
Dochte nahmen das Feuer nicht an.
Manchmal wurde eine Flamme ungewollt ausgepustet,
manchmal ging sie einfach wieder aus.

Gerade die älteren Kinder merkten, wie mühsam das war.

Und irgendwann sagte ich leise, dass es vielleicht eine Weile so sein wird.
Dass es im echten Leben auch schwer sein kann, die eigenen inneren Kerzen immer wieder anzuzünden.

Dass sie vielleicht wütend werden.
Oder müde.
Oder keine Lust haben auf Schule.
Oder darauf, stark zu sein.

Kerzen wollen brennen.
Leben auch.
Aber manchmal braucht es viele Versuche.

Irgendwann brannten sie doch.
Alle Lichter.

Wir stellten uns im Kreis um das Grab.
Und ich bat jedes Kind, aus einer Hand eine kleine Schale zu formen.

In diese Schalenhand durfte eine Erinnerung gelegt werden.
Eine Sache, die sie gern mit ihrem Papa gemacht hatten.
Etwas, bei dem ein Lächeln möglich war.
Etwas, das ihr Herz berührt hatte.

Dann kam magische Himmelserde dazu.
Einfach aus der Luft gegriffen.
Ein paar nährende Regentropfen – ebenfalls aus dem Nichts.

Nicht echt.
Und gerade deshalb wirksam.

Wir Menschen können uns Dinge vorstellen.
Wir können Geschichten erzählen.
Harari schreibt, dass genau das uns Menschen so stark macht: dass wir an gemeinsame Vorstellungen glauben können.

Dieses kleine Zaubergemisch aus Erinnerung, Erde und Regen
wurde dann vorsichtig auf die Brust gelegt, dort, wo das Herz schlägt.

Wir warteten.

Bis die Magie durch die Jacke fand.
Durch den Pullover.
Durch das T-Shirt.
Vielleicht sogar durch ein Unterhemd.
Durch die Haut.
Durch Muskeln.
Bis hinein ins Herz.

Dort durfte sie bleiben.
Sich anlehnen.
Wachsen, wenn sie will.

Es war nicht leicht, die Hand wieder zu lösen.

Aber sie hatte noch etwas zu tun.

Ich gab Pusteblumensamen weiter.
Für Wünsche.
Für Hoffnungen.
Für alles, was leicht werden darf.
Manche pusteten selbst.
Manchmal übernahm der Wind.

Und dann kamen die anderen Samen.
Nicht als Versprechen.
Eher als stiller Satz: Es darf etwas in die Erde. Auch wenn es gerade weh tut.

Mohn – für Gedenken und Frieden.
Kornblume – für Hoffnung und Treue.
Ringelblume – für Wärme und Heilung.
Lavendel – für Ruhe und Schutz.
Wilde Malve – für Sanftheit und Herz.

Sie wurden in die Erde gestreut.
Sie durften festgetrampelt oder sanft gebettet werden – ganz so, wie es jedes Kind brauchte.
Damit etwas Neues wachsen kann.
Oder auch nicht.
Aber damit es die Möglichkeit gibt.

Es war kein lautes Ritual.
Kein großes Wort.

Nur Wind.
Matsch.
Kinder.
Kerzen.

Und irgendwann standen wir einfach dort.
Mit brennenden Kerzen im Februarwind.

Dann gingen wir zurück ins Leben.
Am Grab blieben die Lichter stehen und brannten weiter in ihrem Karton