„Ist doch nichts passiert“ – Über Sätze, die Schmerz klein machen

Ein Mädelsabend, gemütlich, nah, mit dieser Mischung aus Alltag und Wärme. Irgendwann landeten wir bei Hochzeiten – und sofort war da dieses heitere Knistern, das solche Themen oft mitbringen.

Am schönsten war die Geschichte von einer Freundin. Sie erzählte, dass sie damals, als es bei ihr um das Thema Brautkleid ging, zu ihrer Freundin gesagt habe, sie wolle gar kein Brautkleid. Die Freundin wiederum sei völlig entsetzt gewesen – nicht böse, eher ehrlich betroffen: Sie selbst sei noch nie in einem Brautgeschäft gewesen und fand, dass jetzt der Moment sei. Und so gingen sie hin. Am Ende hatte meine Freundin dann doch ein Brautkleid. Das wurde an diesem Abend sehr lustig und sehr liebevoll erzählt, mit diesem warmen Schmunzeln, weil alle wussten, wie schön es sein kann, am Ende doch in einem Brautkleid zu stehen. ❤️

Auch die anderen Geschichten wurden so erzählt: heiter, pointiert, mit viel Lachen. Nicht negativ, nicht anklagend. Eher wie Anekdoten, die man gern teilt, weil sie so typisch sind.

Und genau darin lag etwas Auffälliges.

Denn zwischen den Lachern waren auch Sätze dabei, die eigentlich nicht leicht sind – nur wurden sie eben mit erzählt, als gehörten sie dazu. Stimmen von Verkäuferinnen, die nicht einfach beraten, sondern bewerten: warum so spät, was man sich dabei denke, nur drei Monate vor der Hochzeit ein Kleid kaufen zu wollen. Aus manchen Erzählungen klang es so, als müsse erst eine Art Entschuldigung geliefert werden, bevor überhaupt geholfen wird. Eine blieb im Laden und entschuldigte sich lange, bis schließlich doch Kleider herausgesucht wurden. Eine andere wurde wütend und ging – und wurde dafür im Gehen noch abgewertet.

Vielleicht war es dieses Nebeneinander, das mich innerlich weiterdenken ließ: das Lachen – und das Mittragen von Momenten, die im Kern gar nicht lustig sind. Manchmal lacht man über etwas über etwas, einfach nur um ihm die Macht zu nehmen.

Denn während wir lachten, merkte ich, wie sich in mir etwas verschob. Nicht als Stimmungsbruch, eher als leiser Nachhall. Diese Sätze aus den Läden standen plötzlich neben dem Bild von etwas, das eigentlich geschützt sein müsste: ein Übergang, ein besonderer Moment, in dem Menschen offen sind und verletzlich.

Hochzeiten sind solche Übergänge. Geburten auch. In beiden Situationen gibt es Erwartung, Körperlichkeit, Nähe – und ein Umfeld, in dem andere Menschen mitentscheiden, wie es weitergeht. Man ist angewiesen auf Ton, Haltung, Blick. Und manchmal reicht ein einziger Satz, um aus etwas Besonderem etwas Enge machendes zu machen.

Von dort war der Schritt nicht mehr groß. Ich dachte an meine Geburten.

Der Satz „Du machst doch nur Theater“ war mir nicht neu. Ich kannte ihn aus meiner Kindheit. Er tauchte auf, wenn Gefühle zu groß waren, wenn Schmerz keinen Platz hatte, wenn etwas nicht sofort erklärbar schien. Vielleicht war es genau deshalb so leicht, ihm später wieder zu glauben.

Bei der Geburt meines ersten Sohnes war ich 23 Jahre alt. Ich hatte starke Schmerzen und war sehr verunsichert. Der Vater meines Sohnes war bei mir. Auch er war unsicher, gerade wegen meiner Schmerzen. Er drängte darauf, früh ins Krankenhaus zu fahren. Gleichzeitig hatte ich bereits die Stimme der Hebamme aus der Geburtsvorbereitung im Kopf: Frauen kämen oft viel zu früh, dann dauere alles die ganze Nacht. Kurzum ich wollte nicht hinfahren.

Als wir ankamen, wurde ich belächelt. Die Hebamme erklärte, sie habe gerade eine „richtige Geburt“ zu betreuen. Ich solle mich hinten in den leeren Kreißsaal setzen. Frauen in meinem Alter seien oft schmerzempfindlicher. Sie machten sich häufig mehr daraus, als es sei.

Innerlich stimmte ich zu. Nicht aus Überzeugung, sondern aus Gewohnheit. Der alte Satz passte sich nahtlos ein: Du machst doch nur Theater. Ich gab meine Wahrnehmung ab, noch bevor ich sie hätte schützen können.

Der Vater meines Sohnes blieb bei mir. Er unterstützte mich, so gut er konnte. Ich war nicht allein. Und doch war da diese Ohnmacht, dieses Sich-selbst-nicht-mehr-trauen.

Was dann geschah, überraschte uns beide.
Innerhalb von etwa dreißig Minuten kam Max auf dem Boden des Kreißsaals zur Welt. Ich hatte mich nicht mehr bewegen können, nicht mehr auf ein Bett hieven lassen. Zwei völlig überrumpelte Eltern saßen da, fassungslos darüber, wie schnell und unabwendbar sich alles entwickelt hatte. Als Max schrie, erschien auch die Hebamme. Auch sie wirkte verdutzt.

Viele Jahre später, bei der Geburt meines vierten Kindes, war die Situation äußerlich ähnlich und innerlich doch anders. Mein Mann war bei mir – ruhig, präsent, erfahren. Auch ich war erfahren. Ich kannte meinen Körper, wusste um Abläufe, hatte Vergleich.

Der Arzt wirkte dennoch genervt. Es dauerte ihm zu lange. Er sagte er habe eigentlich noch einen wichtigen Termin. Als ich meine Schmerzen äußerte, sagte die Assistenzärztin, ich sei selbst schuld – ich hätte mich schließlich gegen eine PDA entschieden.

Diesmal war Wut da. Aber auch sie fand keinen Weg nach außen. Sie richtete sich gegen mich selbst. Gedanken liefen an wie: Das kann doch nicht sein. Das vierte Kind. Das müsste schneller gehen. Ich kriege das nicht hin.

Heute ist klar, wie wenig diese Gedanken mit der Realität zu tun hatten. Eine Geburt folgt keiner Logik von Leistung oder Tempo. Und doch waren diese inneren Stimmen da – vertraut, schnell, wirksam.

Im Kreißsaal sind Frauen selten allein. Auch Männer sind da. Begleitend, anwesend, oft ebenso verunsichert. Sie sehen Schmerzen, können sie nicht übernehmen. Sie wollen unterstützen und wissen nicht wie. Auch bei ihnen laufen innere Sätze an: Ich muss ruhig bleiben. Ich darf nichts falsch machen. Ich kann nichts tun. Nicht selten reagiert auch ihr Körper – mit Anspannung, Unruhe, Enge.

Beim Schreiben taucht mir ein Lied von der Band „Deine Freunde“ auf: Nix passiert.
Dieses beiläufige Abtun von Erleben. Stell dich nicht so an. Ist doch nichts passiert. Ein Satz, der harmlos klingt – und doch tief greifen kann, wenn das eigene Empfinden ohnehin unsicher ist.

Wenn ich heute auf diesen Abend zurückblicke, bleiben weniger die einzelnen Geschichten als das, was sich durch sie hindurchzieht. Dieses Lachen, das verbindet. Und zugleich dieses schnelle Darüber-hinweg-Gehen, wenn etwas eigentlich genaueres Hinsehen bräuchte.

Es sind oft keine lauten Übergriffe. Eher beiläufige Sätze. Bewertungen im Vorbeigehen. Ein Tonfall. Ein Blick. Und die eigene Bereitschaft, das Gesagte sofort auf sich zu beziehen, es einzuordnen, zu entschuldigen, wegzulächeln.

In Brautläden.
In Kreißsälen.
In Familien.