Nervensystem im Fluss

21 Frauen stehen um ein großes Blatt Papier.

Darauf: ein Fluss.

Mit zwei Ufern.

Dieses Bild begleitet einen Impulsvortrag zum Thema „Nervensystem im Fluss“, bei Kitchen2Soul Akademie der durch kleine interaktive Elemente ergänzt wurde. Denn vieles, was mit Stress, innerer Stabilität und Selbstregulation zu tun hat, lässt sich leichter verstehen, wenn es nicht nur erklärt, sondern an einzelnen Stellen auch kurz erfahrbar wird.

Solange sich das Nervensystem innerhalb seiner Ufer bewegt, bleibt es beweglich.

Nicht immer gleich ruhig.

Nicht immer nur entspannt.

Aber schwingungsfähig.

Mal ist mehr Energie im System.

Mal wird es ruhiger.

Beides kann gut getragen sein.

Daniel J. Siegel beschreibt diesen Bereich als Stress-Toleranzfenster. Für diesen Abend wurde dieses Verständnis in das Bild des Lebensflusses übertragen, wie es bei Woltemade Hartman verwendet wird. Dabei flossen zugleich weitere Perspektiven ein, vor allem aus dem Somatic Experiencing nach Peter A. Levine sowie aus der Polyvagal-Theorie von Stephen Porges. Es ging also nicht um eine einzelne Theorie, sondern um ein Zusammenspiel verschiedener Modelle, die sich in der Praxis gut ergänzen.

Das Bild macht etwas Wesentliches sichtbar: Regulation bedeutet nicht starre Ruhe. Regulation bedeutet, dass Bewegung möglich bleibt.

Wenn der Fluss über die Ufer tritt. Das Leben bleibt selten dauerhaft im ruhigen Fluss. Manchmal steigt die Aktivierung stark an. Der Körper spannt sich an, Gedanken werden schneller, alles wirkt dringlich. Der Fluss ähnelt dann eher einem Gebirgsbach.

Manchmal fällt die Energie nach unten.Der Körper wird schwer, der Kopf leer, die Bewegung stockt. Der Fluss wird eher zu einem verschlammten Seitenarm.

Viele Menschen erleben beide Richtungen. Und oft beginnen sie genau in diesen Momenten an sich zu zweifeln.

Dabei geht es häufig nicht darum, dass etwas mit ihnen nicht stimmt. Viel öfter versucht das Nervensystem gerade, Schutz und Sicherheit herzustellen.

Wenn das System Alarm wahrnimmt, übernimmt zunächst ein sehr alter Teil des Gehirns: das Stammhirn. Hier wird schnell reagiert. Das limbische System verarbeitet Gefühle und Bedeutung. Und erst wenn wieder etwas mehr Ruhe entsteht, kann der Neocortex stärker mitwirken – der Bereich, der für Denken, Lernen und Reflexion wichtig ist. Darum reicht es in manchen Momenten nicht, sich einfach logisch zu erklären, was gerade los ist. Es braucht oft einen Weg zurück in mehr Sicherheit.

Der Abend war kein Workshop im engeren Sinn, sondern ein Impulsvortrag mit kleinen interaktiven Elementen. Fachliche Impulse zu Stressreaktionen, Schutzmechanismen und Ressourcen wurden mit kurzen Momenten der Selbstwahrnehmung verbunden. So blieb das Thema nicht abstrakt. Zwischendurch wurde immer wieder eingeladen, die Aufmerksamkeit nach innen zu richten:

Wie ist der Atem gerade?

Wo zeigt sich Spannung im Körper?

Wie viel Energie ist gerade da?

Was vermittelt innerlich oder äußerlich ein wenig mehr Sicherheit?

Diese kleinen Sequenzen hielten den Abend lebendig und halfen dabei, das Gehörte nicht nur kognitiv aufzunehmen, sondern punktuell auch körperlich nachzuvollziehen.

Dabei wurden zwei Richtungen sichtbar.

Bottom-up-Zugänge, die über den Körper wirken: Atem, Orientierung im Raum, Wahrnehmung der Schwerkraft, sanfte Bewegung.

Und Top-down-Zugänge, bei denen Wissen und Verstehen helfen können, das eigene Erleben einzuordnen.

Der Neocortex wird also durchaus mit Wissen gefüttert. Nicht weil Denken allein genügt. Sondern weil Verstehen später helfen kann, dem Körper wieder etwas anzubieten, das Sicherheit unterstützt.

Im Verlauf des Abends bekamen die Teilnehmerinnen kleine Karten. Und nach und nach wurden diese in den Fluss gelegt. Auf ihnen standen Worte wie:

Verbundenheit

Selbstwirksamkeit

Neugier

Präsenz

Resilienz

Kreativität

Lebensfreude

Flexibilität

Kohärenz

Selbstfürsorge

Gelassenheit

Zuversicht

So wurde sichtbar, was entstehen kann, wenn das Nervensystem wieder mehr Regulation findet.

Nicht Perfektion. Nicht Dauerruhe. Sondern Lebendigkeit, Kontakt und Beweglichkeit.

Gerade in diesem Moment zeigte sich die Qualität des Abends besonders deutlich: Ein Vortrag kann Wissen vermitteln. Durch kleine interaktive Elemente kann dieses Wissen jedoch in Beziehung zum eigenen Erleben treten.

Zum Abschluss bekam jede Teilnehmerin ein kleines Tütchen.

Die Oberfläche war mit einem Blasenmuster gestaltet. Die feinen Strukturen erinnerten an Wasser – und vielleicht auch an die feinen Netze des Nervensystems.

Im Tütchen lagen kleine Zettel. Darauf konnten persönliche Ressourcen notiert werden: Dinge, die helfen, wieder in den eigenen Fluss zu kommen. Und ein kleiner funkelnder Stein. Er erinnert an das Licht, das auf Flüssen überall auf der Welt sichtbar wird. Vielleicht erinnert er auch an das eigene innere Funkeln, das selbst dann noch da ist, wenn der Fluss gerade wild oder trüb geworden ist.

Am Ende des Abends blieb eine einfache Frage im Raum:

Was wird gebraucht, um wieder mehr in den eigenen Fluss zu kommen? Was brauchst du heute 🙂 um wieder in deinen Fluss zu kommen ?