Bindungsband

Ich lebe in vielen Bindungen gleichzeitig. Zu meinen Kindern. Zu meinen Eltern. Zu meinem Mann. Zu Menschen, die mir nah sind. Und zu manchen, von denen ich längst dachte, ich hätte mich gelöst.
Keine dieser Verbindungen fühlt sich gleich an. Manche tragen. Manche ziehen. Manche lassen sich loslassen. Und bei anderen bleibt immer ein Ende in der Hand – egal, wie weit man geht.
Ich habe viel über Bindung gelesen. Über Muster, Prägung, Entwicklung, Bindungstypen. Ich konnte es erklären. Aber ich konnte es nicht greifen.
Also habe ich mich gefragt: Wie mache ich es für mich fassbarer?
Ich habe extra feine Merino-Kammschurwolle gekauft. Ich wollte wissen, wie sich ein Bindungsstrang anfühlt.
Ich habe mich hingesetzt und begonnen, die Wolle zu walken. Warmes Wasser. Seife. Ein altes Handtuch aus Kindertagen. So wurde aus einzelnen Fasern langsam ein Band. Zentimeter für Zentimeter. Durch Reibung. Durch Druck. Durch Zeit.
Ich habe es durch die Finger laufen lassen, in die Hand genommen, eingeseift, ausgespült.
Es war faserweich, nass, es roch nach Seife und Naturfaser.
Es war nachgiebig.
Fast unscheinbar.
Dann habe ich angefangen, damit zu arbeiten. Ich habe an Menschen gedacht. Die Augen geschlossen. Und gespürt, wie sich die Verbindung anfühlt.
Bei manchen wurde das Band handschwer und ruhig. Es hatte Halt. Ich konnte daran ziehen, ohne dass es sich veränderte.
Bei anderen wurde es unruhig. Es wollte sich entziehen – oder enger werden.
Ich habe es eingefroren. Hart. Starr. Unbeweglich. So fühlt sich Bindung manchmal an. Kein Spielraum. Kein Nachgeben. Nur noch Starre und Kälte.
Dann habe ich es wieder auftauen lassen. Langsam wurde es auftauweich. Beweglich. Formbar.
Ich habe es einer Dornenhecke ausgesetzt. Um Äste gewickelt. Gezogen. Das Ast-Band-Paket vom Balkon geworfen. Die Äste sind gebrochen. Das Band ist nicht gerissen. Es hat gehalten.
Ich habe daran gezerrt. Es enger gezogen. Mich darin verfangen. Ich habe gemerkt: Was verbindet, kann auch festhalten.
Ich habe es fallen lassen. Einfach liegen lassen. Bin weitergegangen. Nichts ist passiert. Es lag da. Still. Und ich konnte gehen.
Und dann gab es diese anderen Verbindungen. Ich habe das Band losgelassen – oder es zumindest versucht. Aber ich hatte immer noch ein Ende in der Hand. Unmerklich. Fast wie von selbst. Ein Stück blieb.
Und genau da wurde es konkret. Es ging nicht mehr um Bindung als Thema. Sondern darum, was sich lösen lässt – und was bleibt. Nicht, weil man es will. Sondern weil es da ist. Im Körper. In der Hand. In diesem einen Ende, das man nicht weglegen kann.
Was daraus entstanden ist
Nach und nach habe ich begonnen, diese Erfahrung auch in meine Arbeit aufzunehmen. Menschen machen dabei kein vorgegebenes Band. Sie stellen ihr eigenes her. Und kommen über das, was dabei spürbar wird, miteinander ins Gespräch.
Ich gebe niemandem ein fertiges Band in die Hand. Das würde nicht funktionieren. Jede und jeder macht ein eigenes. Sucht sich die Wolle selbst aus. Die Farbe. Die Beschaffenheit.
Dann beginnt ein langsamer Prozess. Mit den Händen. Mit dem Körper. Mit Zeit. Manchmal mit Musik. Manchmal begleitet von einem Geruch, der etwas erinnert.
Dabei wird Bindung nicht erklärt. Sie wird spürbar.
Es zeigt sich, wie unterschiedlich sie sich anfühlt. Was trägt. Was eng wird. Was sich lösen lässt. Und was bleibt.
Es berührt mich immer wieder, was in solchen Momenten sichtbar wird. Nicht, weil etwas plötzlich verstanden wäre. Sondern weil es für einen Augenblick Form bekommt. Weil es in der Hand liegt. Und weil genau dort manchmal klar wird, was sich lösen lässt – und was bleibt.

Zum Weiterlesen oder vertiefen 🙂
Daniel P. Brown und David S. Elliott: Attachment Disturbances in Adults
Jeffrey E. Young, Janet S. Klosko und Marjorie E. Weishaar: Schema Therapy
Arnoud Arntz und Gitta Jacob: Arbeiten zu Schematherapie, Imagination und inneren Szenen
Paul Gilbert: The Compassionate Mind
Stephen W. Porges: Arbeiten zur Polyvagal-Theorie
Woltemade Hartman: Arbeiten zu Bindung und früher Entwicklung