„Was hast du denn heute gemacht?“
Er steht in der Tür, schaut auf meinen Kalender und bleibt hängen.
„Eltern-Geburt?“
Pause.
„Muss ich mir Sorgen machen?“
Ich lache.
„Nein.“
Kurze Pause.
„Vielleicht ein bisschen.“
Denn ja, das Wort ist irritierend.
Es stolpert. Und es soll es auch.
Gemeint ist damit keine Rückkehr in die Vergangenheit und auch kein Ersatz für reale Eltern. Gemeint ist ein innerer Prozess: die Erfahrung, sich Eltern zuzuwenden, die verlässlich da sind, wahrnehmen, reagieren und nichts vom Kind brauchen.
Auf meinem Weg des Erwachsenwerdens wurde spürbar, dass ich innere Eltern brauchte. Meine Eltern hatten den Kontakt zu mir abgebrochen. Das war für mich ein tief einschneidendes Erlebnis, und vieles blieb auch danach innerlich herausfordernd. Vielleicht wurde gerade dadurch so deutlich, dass ich etwas brauchte, das äußerlich nicht mehr erreichbar war: innere Eltern. Nicht als Ersatz, sondern als eine innere Erfahrung von Halt, Schutz und verlässlicher Zuwendung.
Schmunzelnd denke ich an mein erstes Mal.
Ich wusste nicht genau, was mich erwartet. Nur, dass es um Bindung gehen würde. Um frühe Erfahrung. Um etwas, das nicht einfach vergangen ist, nur weil Zeit vergangen ist.
Ich hatte mir dafür therapeutische Begleitung gesucht bei jemandem, der bei Daniel P. Brown und David S. Elliott gelernt hatte und mit der Arbeit zu idealen Bezugspersonen vertraut war.
Dann begann etwas, das nicht nach vorn führte, sondern zurück.
In der Vorstellung zurück in die eigene Kindheit.
So beschrieben klingt das zunächst fremd. In der Erfahrung selbst war es überraschend konkret.
In meiner ersten Sitzung wurde ich in einer Meditation eingeladen, in meine Kindheit zu reisen und zu erforschen:
Wo bin ich gerade?
Wie alt bin ich?
Was sehe ich?
Wie ist die Stimmung?
Bin ich allein?
Ist da jemand, der mich bemerkt?
Als das klarer wurde und ich innerlich dort angekommen war, kamen weitere Fragen.
Wie fühlt sich Sicherheit an?
Nicht als Gedanke.
Sondern im Körper.
Wo ist sie verortet?
Wie fühlt sich Zuwendung an, wenn sie wirklich da ist?
Wie fühlt sich Aufmerksamkeit an, die nichts von mir will?
Wie fühlt es sich an, gesehen zu werden, ohne etwas leisten zu müssen?
Wie fühlt es sich an, gehalten zu werden, ohne festgehalten zu werden?
Wie fühlt es sich an, in Kontakt zu sein, ohne etwas regulieren zu müssen?
Diese Fragen sind einfach.
Und gleichzeitig nicht.
Denn plötzlich geht es nicht mehr darum, was man weiß.
Sondern darum, ob der eigene Körper darauf überhaupt eine Antwort hat.
Und dann verschiebt sich etwas.
Es geht nicht mehr nur darum, sich zu erinnern.
Nicht mehr nur darum, das Alte genauer zu sehen.
Sondern darum, innerlich neuen Eltern zu begegnen.
Eltern, die da sind.
Die sehen.
Die reagieren.
Die bleiben.
Genau an dieser Stelle beginnt etwas, das sich nicht sofort richtig anfühlt.
Nicht nur ungewohnt.
Sondern fremd.
Eine Stimme wird leise hörbar.
Darf ich das überhaupt?
Darf ich mich innerlich anderen Eltern zuwenden?
Ist das nicht eine Art Verrat?
Es fühlt sich zuerst falsch an.
Fast wie Untreue gegenüber etwas, das doch einmal Bindung war – oder hätte sein sollen.
Natürlich geht es nicht darum, etwas ungeschehen zu machen.
Und auch nicht darum, reale Eltern innerlich einfach auszutauschen.
Aber genau daran wird spürbar, wie tief Loyalität reicht.
Selbst dort, wo etwas gefehlt hat.
Selbst dort, wo keine wirkliche Sicherheit entstanden ist.
Und gleichzeitig passiert etwas anderes.
Ich musste nichts tun.
Nichts halten.
Nichts ausgleichen.
Nichts regulieren.
Ich war nicht verantwortlich.
Nicht für die Stimmung.
Nicht für die Beziehung.
Nicht für das Gegenüber.
Das war neu.
Und dann wird langsam klar, warum.
Diese Eltern brauchten nichts von mir.
Sie waren mit sich im Reinen.
Sie waren nicht auf meine Anpassung angewiesen.
Nicht auf meine Beruhigung.
Nicht auf mein Funktionieren.
Nicht auf meine Aufmerksamkeit.
Sie mussten sich nicht über mich stabilisieren.
Sie konnten bei sich bleiben.
Und genau deshalb konnten sie bei mir sein.
Das verändert etwas.
Nicht laut.
Nicht plötzlich.
Aber spürbar.
Da ist Zuwendung ohne Sog.
Nähe ohne Anstrengung.
Aufmerksamkeit ohne Forderung.
Und gleichzeitig fehlt etwas, das lange da war.
Druck.
Mitdenken.
Innere Alarmbereitschaft.
Und erst dadurch wird sichtbar, wie vertraut genau das gewesen ist.
Und vielleicht ist das der Moment, in dem dieses Wort Sinn bekommt.
Eltern-Geburt.
Nicht als Methode.
Nicht als fertige Lösung.
Und nicht als Rückkehr.
Sondern als Beschreibung eines Prozesses.
Dass etwas entsteht, das vorher so nicht da war.
Eine innere Form von Halt.
Von Verlässlichkeit.
Von Orientierung.
Nicht schnell.
Nicht vollständig.
Aber erfahrbar.
Inzwischen begleite ich Menschen auch selbst in solchen Prozessen. Nicht nur mit fachlichem Hintergrund und viel Beschäftigung mit dem Thema, sondern auch mit eigener Erfahrung dafür, wie fremd, herausfordernd und zugleich hilfreich dieser Weg sein kann. Wer sich in diesem Text wiederfindet und sich Begleitung wünscht, kann sich gern bei mir melden.
Was dabei sehr persönlich wirkt, hat zugleich einen fachlichen Hintergrund. Der hier beschriebene Prozess berührt Fragen aus der Bindungsforschung, der Schematherapie, der Arbeit mit Imagination, der Mitgefühlsforschung und der Erforschung von Sicherheit und Regulation im Nervensystem. Wichtige Bezugspunkte sind John Bowlby und Mary Ainsworth für die Bindungstheorie, Daniel P. Brown und David S. Elliott für die Arbeit mit idealen Bezugspersonen, Jeffrey Young und Arnoud Arntz für Schematherapie und imaginative Verfahren sowie Paul Gilbert, Stephen W. Porges und Woltemade Hartman für Sicherheit, Regulation und Entwicklung.
Zum Weiterlesen
John Bowlby: Bindung, Eine sichere Basis
Mary Ainsworth: Arbeiten zur frühen Bindungsforschung
Daniel P. Brown & David S. Elliott: Attachment Disturbances in Adults
Jeffrey E. Young, Janet S. Klosko & Marjorie E. Weishaar: Schema Therapy
Arnoud Arntz & Gitta Jacob: Arbeiten zu Imagination und Schematherapie
Paul Gilbert: The Compassionate Mind
Stephen W. Porges: Arbeiten zur Polyvagal-Theorie
Woltemade Hartman: Arbeiten zu Bindung, Entwicklung und früher Prägung
