Ich sitze wieder an diesem Pool. An dem Pool, an dem ich schon als Kind saß, eingewickelt in eines von Omas großen, rauen Badehandtüchern. Diese Handtücher waren hart und kratzig, aber wenn man damit abgerubbelt wurde, wurde einem sofort warm. Und wenn man danach auf der Liege lag, passten sogar die Füße noch mit hinein. Ein haltenes Handtuch. Ein Stoff, der nicht weich sein musste, um zärtlich zu sein. Das Wasser ist noch unruhig, als ich aus dem Pool komme. Es glimmt und funkelt wild, als hätte es selbst noch etwas zu sagen. Später, wenn niemand mehr darin schwimmt, streicht es sich glatt. Dann wird es flächiger, stiller, und die Bilder kehren zurück: der Himmel, die Mauern, die Berge.
Ich sitze also wieder an diesem Pool.
Das Wasser hat sich geglättet. Von hier aus gehe ich noch einmal zurück. Zu gestern Nachmittag. Wir sitzen auf der Terrasse, die Gläser vor uns, Melody Gardot leise im Hintergrund. Palmblätter zittern im Wind. Irgendwo zirpt es. Alles ist weich, warm und für einen Moment ganz richtig.
Und dann kommt dieses Lachen.
Nicht von vorn. Nicht sichtbar. Es kommt um die Ecke. Plötzlich. Laut. Selbstzufrieden. Es stellt mir die Haare auf. Noch bevor ich jemanden sehe, ist in mir schon etwas entschieden: Störenfriede!
Noch sehe ich niemanden.
Nur dieses Lachen, das sich ausbreitet, als würde es prüfen, wie weit es reicht. Es passt nicht hierher. Nicht zu dem Wasser, das sich gerade noch selbst beruhigt hat. Nicht zu dieser leisen Musik, die eher im Raum liegt, als dass man sie hört. Ich merke, wie ich innerlich einen Schritt zurück gehe. Als hätte mir jemand etwas weggenommen, das ich noch gar nicht festgehalten hatte. Später sehe ich sie dann.
Eine Gruppe Männer, älter, körperlich präsent, einige mit blondierten Haaren, die zu hell wirken für ihre Haut. Dicke Bäuche, offene Hemden, mehrere Flaschen Wein auf dem Tisch. Gläser in der Hand. Einer steht auf, hebt sein Glas, ruft etwas, die anderen lachen wieder los.Jetzt hat das Geräusch ein Bild. Und mit dem Bild kommt die Sicherheit: Genau so hatte ich es mir vorgestellt.
Prolos. Wichtigtuer.
Ich merke, wie schnell das geht. Hören. Spüren. Einordnen. Abschließen. Und wie richtig es sich in diesem Moment anfühlt.
Am Abend sitzen sie dann in Sichtweite. Jetzt nicht mehr verborgen hinter einer Ecke, sondern mitten im Raum. Die Stimmen sind lauter geworden. Der Wein „hilft“ mit. Das Lachen kommt schneller, dichter, es springt von einem zum anderen. Einer klopft einem anderen auf die Schulter, jemand steht wieder auf, Gläser heben sich, setzen sich, heben sich wieder.
Es ist nicht nur Lautstärke.
Es ist dieses Sich-Ausdehnen. Als würde ihr Tisch ein Stück größer sein als die anderen.
Ich merke, wie ich innerlich enger werde. Wie ich mich abgrenze. Wie ich mich auf die Seite derer stelle, die leise sind.
Und gleichzeitig passiert etwas anderes. Ein Teil von mir schaut zu. Nicht zu ihnen, sondern zu mir. Wie schnell ich fertig bin. Wie mühelos sich alles fügt: das Lachen, die Körper, die Flaschen, später die Autos. Es passt alles so gut zusammen, dass ich gar nichts mehr prüfen muss.
Das stört mich. Nicht laut. Eher wie ein Widerstand. Dass ich sie schon kenne, ohne sie zu kennen.
An einem der Tische sitzt ein Mann allein. Er ist schon da, als wir kommen.Und er ist noch da, als die anderen längst im Lachen aufgegangen sind. Gut gekleidet, aber unauffällig. Keine Inszenierung. Kein Anspruch, gesehen zu werden.
Während er isst, isst er.
Keine Ablenkung, kein Blick in den Raum.
Erst danach greift er zum Glas.
Nimmt einen kleinen Schluck.
Dann das Handy.
Liest etwas, macht sich eine Notiz, legt es wieder weg.
Es hat etwas Selbstverständliches.
Ein Bei-sich-Sein, das nichts braucht.
Als er später an unserem Tisch vorbeigeht, nickt er kurz.
Freundlich. Nicht suchend.
Am nächsten Morgen sitzt er wieder da.
Diesmal mit einem Notizheft.
Ein Panamahut liegt neben ihm, als hätte er ihn einfach abgelegt, ohne darüber nachzudenken.
Wieder diese Ruhe.
Männlichkeit ohne Lärm.
Präsenz ohne Ausdehnung.
Alleinsein ohne Bedürftigkeit.
Würde ohne Bühne.
Der Kontrast könnte größer nicht sein.
Und ich merke, wie dankbar ich bin, dass es beides gibt.
Und …. wie schnell ich entscheide, was ich davon gelten lasse.
Beim Frühstück sitzen sie wieder zusammen. Diesmal ohne Wein. Ohne dieses Aufdrehen vom Abend. Sie wirken… einfacher. Fast ein bisschen müde vielleicht. Sie lachen immer noch, aber es ist leiser. Weniger fordernd. Einer schiebt einem anderen den Brotkorb rüber. Ein kurzer Blick, ein halber Satz, wieder ein Lachen. Nichts Besonderes.
Und genau das irritiert mich.
Es passt nicht mehr ganz zu dem Bild, das ich mir gemacht habe. Oder besser: Es ist zu wenig, um das Bild zu halten. Ich sehe sie jetzt näher. Nicht mehr nur als Gruppe, sondern als einzelne.Und merke, wie etwas in mir nachjustiert. Nicht sofort.- Nicht großzügig.
Eher widerwillig.
Als würde ich mein eigenes Urteil noch einen Moment festhalten wollen. Und gleichzeitig spüre ich: Es trägt nicht mehr ganz. Sie sind laut, ja. Sie nehmen Raum ein, ja. Und sie sind auch einfach nur Männer, die zusammen frühstücken. Die jetzt hier sitzen und Zeit miteinander verbringen.
Harmlos.
Auf eine Art sogar… gewinnend. Das gefällt mir nicht sofort. Vielleicht, weil es mein erstes Bild zu klein macht.
Später am Pool verschiebt sich das Bild noch einmal. Nicht im Nachdenken, sondern durch eine Begegnung.Ich bin im Wasser, ziehe meine Bahnen, tauche unter, höre nur noch das gedämpfte Rauschen. Als ich an den Rand komme, steht einer von ihnen dort. Wir kommen ins Reden. Schnell, ohne Umweg. Er erzählt von seinen Lastwagen. Achtundvierzig! Und sagt dann, fast nebenbei, dass er keinen davon mitnehmen kann. Wichtiger sei ihm diese gemeinsame Zeit hier. Mit den anderen. Gestern seien sie wandern gewesen. Das habe allen gutgetan. Er spricht ruhig. Fast weich. Ich merke, wie mich das berührt. Nicht, weil es besonders gesagt ist. Sondern weil es so wenig braucht.
Das Lachen vom Vortag ist noch da. Ich kann es noch hören. Aber es sitzt nicht mehr so fest.
Ich lege mich später wieder auf die Liege. Das Handtuch unter mir ist warm von der Sonne. Rau, wie früher. Das Wasser ist jetzt ganz glatt. Es trägt nichts mehr nach außen. Es zeigt einfach, was da ist.
Ich denke an meinen Großvater. An seine wässrigen, freundlichen Augen.An die Nachmittage mit Canasta, an dieses ruhige Beisammensein, das nichts beweisen musste. Und ich denke an die Männer. An ihr Lachen, ihre Körper, ihre Art, Raum zu nehmen.
Und daran, wie schnell ich wusste, wer sie sind. Und wie lange ich brauche, um wieder davon abzurücken.
Wie viel Zeit braucht ein Eindruck, bis er einem Menschen gerecht wird?
Literatur zum Thema Lachen 🙂
Goffman, E. (1967). Interaction Ritual: Essays on Face-to-Face Behavior. Anchor Books.
Kotthoff, H. (2006). Gender and humor: The state of the art. Journal of Pragmatics, 38(1), 4–25.
Scott, S. K., Lavan, N., Chen, S., & McGettigan, C. (2014). The social life of laughter. Trends in Cognitive Sciences, 18(12), 618–620.
