Die leisen letzten Male

Über erste Male wird viel gesprochen. Das erste Wort, der erste Schritt, der erste Schultag. Sie werden gefeiert, fotografiert, weitererzählt.

Die letzten Male sind leiser. Meist merkt niemand in dem Moment, dass gerade etwas zum letzten Mal geschieht. Das letzte Mal auf dem Schoß. Das letzte Mal Hand in Hand. Das letzte Mal, dass ein Kind sich ganz selbstverständlich anlehnt, Trost sucht oder Nähe braucht. Erst später wird klar: Das war es. Das kommt nicht wieder.

Gerade beschäftigt mich das sehr. Vielleicht, weil meine Kinder „auf einmal“ so groß sind. Der Älteste ist verheiratet. Die Zweite lebt allein in München, arbeitet und macht ihr Abi. Die Dritte lebt in Dänemark im Internat, weil sie hinaus in die Welt wollte, zu anderen Sprachen und anderen Kulturen. Nur der Jüngste ist noch zu Hause, fast vierzehn – und auch er längst auf dem Weg in sein eigenes Leben.

Natürlich kam das nicht plötzlich. Und doch trifft mich diese Erkenntnis manchmal mit voller Wucht: Es ist jetzt anders. Sie sind selbständiger. Und ich kann anders sein, weil sie sich verändert haben.

Neulich auf unserer Reise gab es so einen Moment, der mich sehr berührt hat. Es war bitterkalt, georgische Kaukasuskälte, und wir haben drei Betten zusammengeschoben, damit es wärmer und kuscheliger wird. Auf einmal lagen wir da wieder eng beieinander. Und ich spürte bis in den Herzboden wie besonders, dass das noch einmal passiert. ❤️ Im normalen Alltag wäre es längst undenkbar, dass mein fast vierzehnjähriger Sohn mit mir in einem Bett schläft. Das soll ja auch gar nicht mehr so sein. Aber in diesem Moment war es einfach nur nah, warm und kostbar.

Solche Augenblicke bewegen mich tief. Weil sie nicht wirklich eine Rückkehr sind. Eher ein kurzer Gruß, ein zartes Winken aus einer Zeit, die vorbei ist. Ein unerwarteter Rest von Vertrautheit. Und gerade deshalb so berührend.

Bei vier Kindern war immer lange noch eines da, das klein war. Eines, das noch kuscheln wollte, auf den Arm wollte, noch ganz in dieser Kinderwelt lebte. Wenn dann auch der Jüngste immer mehr letzte Male mit sich bringt, wird spürbar: Diesmal kommt niemand mehr nach.

Das ist schön. Und es tut weh.

Beides stimmt.

Für mich liegt darin etwas Wesentliches: Letzte Male machen aufmerksam für das, was gerade noch da ist. Sie zeigen, dass auch das Selbstverständliche kostbar ist. Nicht, damit alles festgehalten wird. Das geht ohnehin nicht. Aber damit es wirklich erlebt wird.

Ich freue mich über meine großen Kinder. Über ihre Wege, ihren Mut, ihre Selbständigkeit. Und zugleich weiß ich, dass vieles, was einmal ganz selbstverständlich war, still verschwunden ist.

Und vielleicht ist genau das Elternsein auch: nicht nur die ersten Male zu feiern, sondern die letzten Male zu spüren.

Frohe Ostern euch allen