Ungünstig für mein Ziel

Ich hüpfe nur schnell in den Edeka. Nur schnell. Das ist ja schon der erste Selbstbetrug.

Ich brauche eigentlich nicht viel. Ein paar Tomaten, Hafermilch, Käse, irgendwas fürs Abendessen. Nach drei Minuten stehe ich natürlich mit einem viel zu vollen Korb da, weil mir noch eingefallen ist, dass Spülmittel fehlt, Kaffee fast leer ist und irgendjemand in diesem Haushalt immer genau dann Hunger bekommt, wenn nichts Essbares mehr da ist.

Ich eile also durch die Gänge, sammle alles zusammen, lege noch schnell eine Packung Kekse dazu, weil sie mich anlächelt, und stelle mich an der Kasse an.

Vor mir steht ein älterer Mann. Er hat nur wenige Dinge auf dem Band. Das sieht erst einmal vielversprechend aus. Innerlich denke ich: Wunderbar. Das geht schnell.

Geht es aber nicht.

Der Mann beginnt, in seinem Portemonnaie nach Kleingeld zu suchen. Erst in einem Fach. Dann im zweiten. Dann in einer kleinen Seitentasche, von der niemand wusste, dass sie existiert. Er legt Münzen auf den kleinen Kassenteller, zählt nach, runzelt die Stirn, nimmt wieder zwei Cent zurück und fragt die Kassiererin, ob das so stimme.

Hinter mir wird die Schlange länger. Vor mir werden die Münzen kleiner.

Und in mir beginnt der ganz normale innere Wahnsinn.

„Das kann doch nicht wahr sein.“
„Warum macht er das nicht zu Hause?“
„Sieht er nicht, dass hier Leute warten?“
„Ich wollte doch nur schnell rein und raus.“
„Immer passiert mir so etwas.“
„Jetzt wird alles knapp.“

Für einen Moment ist die Sache klar: Dieser Mann macht mich unruhig. Dieser Mann hält mich auf. Dieser Mann ist der Grund, warum mein Tag aus dem Takt gerät.

Und genau an dieser Stelle wird es interessant.

Denn was ist gerade wirklich geschehen?

Ein Mann zählt sein Kleingeld.
Eine Kassiererin wartet.
Eine Schlange wird länger.
Ich stehe mit einem Korb an der Kasse.
Ich habe es eilig.

Das ist das Ereignis.

Alles andere kommt von mir dazu.

Dass er sich beeilen müsste. Dass er sehen müsste, dass andere warten. Dass es schneller gehen müsste. Dass mein Plan wichtiger ist als sein Bedürfnis, passend zu bezahlen. Dass diese Situation jetzt ein kleines persönliches Drama verdient.

Für mich ist ein wesentlicher Schritt zu mehr innerer Freiheit genau diese Unterscheidung: Was geschieht gerade wirklich? Und was füge ich innerlich hinzu?

Das macht mich gelassener. Nicht immer sofort. Nicht so, dass ich dann in Licht und Güte vor der Kasse schwebe und milde auf alle Münzen dieser Welt blicke. Aber es schafft einen kleinen Abstand.

Der Mann zählt Geld.
Ich denke Katastrophe.

Und zwischen diesen beiden Dingen liegt ein Raum.

In diesem Raum kann auffallen: Es ist keine Katastrophe. Es ist ungünstig für mein Ziel. Ich wollte schnell sein. Ich wollte pünktlich sein. Ich wollte keine Verzögerung. Das ist verständlich. Aber der Mann tut nichts gegen mich. Er tut gerade etwas für sich. In seinem System ist es stimmig: Er bezahlt. Er macht es ordentlich. Er braucht Zeit.

Mein Ärger entsteht an der Schnittstelle zwischen seinem Verhalten und meiner Erwartung.

Das heißt nicht, dass ich plötzlich begeistert bin. Ich darf genervt sein. Ich darf es eilig haben. Ich darf denken: Ach bitte, nicht jetzt. Aber ich muss nicht so tun, als hätte dieser Mann mein Inneres ferngesteuert.

Dann bin ich endlich dran.

Ich lege meine Sachen aufs Band, will bezahlen, atme schon ein bisschen erwachsener als noch zwei Minuten vorher — und in genau diesem Moment fällt mir ein, dass ich das Einzige vergessen habe, weswegen ich überhaupt in den Supermarkt gegangen bin.

Also zahle ich, packe ein, drehe um und gehe noch einmal hinein.

Diesmal bin ich selbst die Frau, die alles aufhält, weil sie mit vollem Beutel zurück in den Laden läuft und irgendwo zwischen Hafermilch und Tomaten nach dem eigentlichen Grund ihres Einkaufs sucht.

Auch das ist keine Katastrophe.

Nur ungünstig für mein Ziel.