Alles ist neu.
Manchmal komme ich noch mit meiner Welt in der Hand bei ihr an.
Mit dem Handy.
Mit einem Telefonat im Ohr.
Mit Unterlagen, die noch schnell verschickt wurden.
Mit Gedanken an den nächsten Vortrag.
Ein schnelles, helles Pulsieren.
Und dann bin ich bei ihr.
Dort wird nichts schneller, nur weil ich schnell bin.
Für mich ist Dienstag.
Unser Tag.
Für sie ist es erst einmal nur ein Moment, in dem ich vor ihr stehe.
Sie muss merken, dass ich da bin.
Dass ich wirklich da bin.
Dass heute vielleicht etwas geschieht.
Wir wollen einen Ausflug machen.
Mit der U-Bahn in die Stadt.
Aber bevor es um Stadt geht, um Bahn, um Ausstellung, geht es um den Schritt davor.
Ums Ankommen.
Ums Begreifen.
Ums Einstellen auf eine neue Situation.
Erst dann kommen die Schuhe.
Die Socken.
Die kleinen Entscheidungen.
Die Frage, ob es richtig ist.
Ob sie das so möchte.
Ob wir gehen.
Wohin wir gehen.
Was wir jetzt eigentlich machen.
Und dann die Tasche.
Vor allem die Tasche.
Sie ist nicht einfach eine Tasche.
Sie ist Sicherheit.
Eigenes Geld.
Ein Stück Selbstständigkeit.
Etwas, das man nicht leicht zu Hause lässt, wenn man lange dafür gekämpft hat.
Wir einigen uns.
Die Tasche bleibt daheim.
Mit den Stöcken ist sie zu schwer.
Das Geld kommt in die Hosentasche.
Die Fahrkarte ist dabei.
Und trotzdem kommt die Frage wieder.
Wo ist meine Tasche?
Habe ich bezahlt?
Habe ich abgestempelt?
Habe ich alles richtig gemacht?
Sie fragt, welcher Tag heute ist.
Dienstag.
Ah, sagt sie, ein ganz normaler Arbeitstag.
Ja.
Ein ganz normaler Arbeitstag.
Sie sieht sich um.
Lässt es auf sich wirken.
Menschen gehen zur Arbeit.
Bahnen fahren.
Ampeln schalten um.
Das Leben geht die ganze Zeit weiter, sagt sie.
Während ich meistens in meinem kleinen Haus bin, läuft draußen alles weiter.
Die Stadt.
Die Menschen.
Die Wege.
Die Welt.
In ihrer Stimme ist Verwunderung zu hören.
Auch beim Aussteigen am Odeonsplatz ist alles neu.
Obwohl sich dort in den letzten Jahren gar nicht so viel verändert hat.
Ihre Schritte sind langsam.
Und trotzdem verändert sich alles rasend.
Da ist das Wundern.
Dieses Suchen nach Halt in einer Welt, die nicht mehr zu dem inneren Bild passt.
Und dann ist da auch Staunen.
Sie schaut durch Lücken.
Sie bleibt stehen.
Sie sieht.
Forscht.
Lächelt.
In ihren Augen blitzt etwas auf.
Sie bietet mir einen ihrer Stöcke an, damit wir fechten können.
Da ist Witz.
Da ist Spiel.
Da ist ein kleines Aufblitzen von Lust am Leben.
Meistens schaffen wir es einmal um den Block.
Einmal langsam hinaus.
Einmal Luft.
Einmal schauen.
Einmal wieder zurück.
Heute ist es anders.
Heute schaffen wir es bis in die Stadt.
Wir gehen weiter.
Bis in eine Ausstellung.
Sie heißt: Haare. Macht. Lust.
Schon der Titel berührt etwas.
Noch bevor wir wissen, was er alles auslösen wird.
Wir gehen durch die Räume.
Manche mehrfach.
Dieselben Bilder.
Dieselben Wege.
Dieselben Stellen, an denen sie stehen bleibt.
Immer wieder neu.
Es geht um Haare.
Um Macht.
Um Lust.
Und plötzlich ist da ihre Mutter.
Der Friseur.
Das ratzekahle Abschneiden.
Demütigend.
Hart.
Unmenschlich.
Sie erzählt es wieder.
Und wieder.
Als müsste diese Geschichte endlich ganz gehört werden.
Ich höre zu.
Ich gehe neben ihr.
Ich halte aus, dass sie wiederkommt.
Diese alte Szene.
Diese alte Härte.
Und ich denke an vorher.
An ihren Mann, der ihr vor dem Losgehen die Haare gekämmt hat.
Mit diesem runden alten Kamm.
Handtellergroß.
Ohne Stiel.
Mit einem kleinen Griff in der Mitte.
Er fährt ihr sanft durchs Haar.
Langsam.
Selbstverständlich.
Eine kleine Bewegung.
Und doch liegt darin sehr viel Liebe, Zuwendung und Aufmerksamkeit
Eingefangen in einem runden Kamm.
Vielleicht berührt mich der Gedanke an Kamm auch doppelt.
Weil er nicht nur zu diesem Moment gehört.
Er erinnert mich an den Kamm meines eigenen Vaters.
An den Spiegelschrank im Bad.
An das matte Licht hinter dem vergilbten Plastik.
An diesen bestimmten Geruch den er trug.
Und manchmal, wenn ich meinen großen Sohn umarme,
wenn ich ihn kurz an mich drücke
und meine Nase sein Haar riecht,
ist er wieder da.
Dieser Geruch.
Dieser Kamm.
Diese kleine Spur von Liebe,
die durch die Zeit geht.
