Ruhe war wie Götterspeise

Über Hochfrequenz, Funktionieren und den Weg zurück ins Spüren
Es ist Montagvormittag, und ein Text vom Sonntag wirkt noch nach.
Nicht laut. Nicht drängend. Eher wie etwas, das sich irgendwo eingehakt hat und nun mitläuft. Ein kleiner Angelhaken mit Widerhaken. Kaum sichtbar, aber spürbar.
Am Sonntagmorgen saß ich auf der Terrasse. Das Haus war friedlich. Nicht still im leeren Sinn, eher so, als würde es Ruhe ein- und ausatmen. Selbst Paula war noch schläfrig, als ich nach unten kam. Ich machte mir Kaffee, setzte mich in die Sonne und las. Wie so oft blieb ich bei einem Beitrag von Klaus Eidenschink hängen. Es ging um Entschlossenheit. Um Kraft. Um Funktionsmodus. Um das, was nach außen stark aussieht und innen längst etwas anderes geworden sein kann.
Ich las den Text. Schrieb eine Antwort. Legte das Handy weg.
Und doch blieb etwas hängen.
Später, beim Gehen mit Paula, wurde es deutlicher. Mit jedem Schritt piekste mich dieser kleine Haken. Nicht schmerzhaft. Aber deutlich.
Ich kenne dieses Funktionieren.
Nicht nur als Begriff. Nicht nur aus meiner Arbeit mit Menschen. Ich kenne es aus mir selbst.
Dieses Weitermachen. Liefern. Organisieren. Halten. Durchhalten. Schnell sehen, was gebraucht wird. Schnell reagieren. Schnell wieder aufstehen.
Und ich kenne noch etwas anderes: diese hohe Frequenz im Kopf.
Mein Denken fühlt sich oft an wie eine Squash-Halle. Viele Bälle gleichzeitig. Sie fliegen von Wand zu Wand, kommen zurück, kreuzen sich, beschleunigen sich gegenseitig. Ideen, Bilder, Erinnerungen, Verknüpfungen, Möglichkeiten. Alles in Bewegung. Alles gleichzeitig.
Und das Merkwürdige ist: Ich mag diesen Kopf.
Ich mag seine Wachheit. Seine Geschwindigkeit. Seine Fähigkeit, Zusammenhänge zu sehen. Ich mag, dass er Lösungen findet, bevor ein Problem überhaupt ganz sichtbar ist. Ich mag diese Kraft. Dieses schnelle innere Greifen.
Ich kenne nicht nur die Erschöpfung darin. Ich kenne auch diesen Rausch, wenn Denken, Organisieren und Gestalten ineinandergreifen: Ein Workshop entsteht. Ein Konzept wird klar. Ein Gespräch bekommt Tiefe. Der Alltag läuft mit — Tisch, Hund, Essen, Termine — und für einen Moment findet alles Form.
Fast wie Musik.
Es wäre zu einfach, diese Hochfrequenz nur als Belastung zu erzählen.
Sie ist auch Begabung. Kompetenz. Fürsorge. Schaffenskraft.
Es ist ein großer Genuss, mit Menschen zusammenzuarbeiten, die schnell denken, mitdenken, sortieren, verbinden und in kurzer Zeit viel entstehen lassen. Da ist Tempo. Da ist Überblick. Da entsteht oft in kurzer Zeit ein gemeinsames Verstehen.
Auch im Alltag hatte diese Geschwindigkeit Sinn.
Sie zeigte sich darin, an Essen zu denken, bevor Hunger kippte. Termine im Kopf zu behalten. Geburtstage nicht zu vergessen. Kinder rechtzeitig loszuschicken. Ältere Menschen mitzudenken. Zu spüren, wann jemand Hilfe brauchte, noch bevor darum gebeten wurde.
Das war nicht alles falsch.
Es hatte Würde.
Es hatte Notwendigkeit.
Es hat vieles möglich gemacht.

Gerade deshalb ist der Preis so schwer zu erkennen. Denn was nützlich ist, wirkt lange nicht gefährlich. Was gebraucht wird, muss selten hinterfragt werden. Und was anderen hilft, bekommt schnell einen moralischen Glanz.
Hochfunktionalität wird oft belohnt. Nicht immer ausdrücklich, aber sehr zuverlässig. Wer viel trägt, rasch sortiert, organisiert, Lösungen findet und nicht lange klagt, wird gebraucht. Wird geschätzt. Wird gefragt.
Da ist ein echtes Gefühl von Wirksamkeit.
Und ab und an auch Stolz.
Nur liegt genau dort auch der Übergang.
Denn was von außen wie Stärke aussieht, kann innen zur Dauerbereitschaft werden.
Der Kopf bleibt dann nicht schnell, weil er gerade schnell sein will.
Er bleibt schnell, weil er nicht mehr weiß, wie langsam geht.
Dann wird Mitdenken zum Vorwegnehmen.
Lösen zum Übernehmen.
Verstehen zum Überspringen.
Und Funktionieren zum Ersatz für Spüren.
Das ist einer der Punkte, die mich gerade besonders beschäftigen: Wie oft verstehe ich etwas schon, bevor ich überhaupt gemerkt habe, was es in mir auslöst?
Wie oft bin ich innerlich bereits bei Erklärung, Einordnung, Akzeptanz, während Wut, Trauer oder Verletzung noch gar nicht auftauchen durften?
Das kann sehr vernünftig klingen.
„Ich verstehe, warum das passiert ist.“
„Ich weiß, woher das kommt.“
„Es ist, wie es ist.“
„Ich komme klar.“
Gerade bei sehr reflektierten Menschen höre ich viel Verständnis für die Geschichte der anderen. Für deren Prägungen, Verletzungen, Gründe. Und zugleich wenig Zugang zu der einfachen Frage:
Was hat es mit mir gemacht?
Nicht, weil jemand gefühllos ist.
Sondern weil der Zugang zum eigenen Gefühl vom Tempo des Verstehens überholt wird.
Nicht immer ist das Problem, dass Gefühle zu groß sind.
Oft ist das Problem, dass sie gar nicht erst wahrgenommen werden.
Genau hier beginnt für mich der Unterschied zwischen Denkraum und Fühlraum.
Ich mag Denkräume. Sehr sogar.
Ich mag es, Zusammenhänge zu verstehen. Begriffe zu finden. Modelle zu prüfen. Denken ist für mich kein Gegner des Fühlens. Es ist nur nicht dasselbe.
Heute merke ich zum Beispiel öfter im Gespräch, dass ich bewusst warten muss, wenn mein Gegenüber nicht im gleichen Tempo mitkommt. Früher wurde ich dabei schnell ungeduldig. Dieses Warten fühlte sich anstrengend an, fast wie ein inneres Bremsen. Inzwischen lasse ich die Lösung einen Moment bei mir. Ich warte, bis der andere seinen eigenen Gedanken findet. Oft wird genau daraus eine kleine Pause, die auch mir guttut.
Ich habe lange nach Sprache für dieses Tempo gesucht: in Texten über Hochbegabung, ADHS, Trauma, Nervensystem, Körperarbeit und Emotionsregulation. Nicht, um mich in eine Schublade zu legen. Eher, um besser zu verstehen, dass ein schneller Kopf nie nur ein schneller Kopf ist.
Er ist Anlage. Geschichte. Schutz. Anerkennung von außen. Notwendigkeit. Temperament. Überforderung. Freude. Oft alles zugleich.
Auch Gabor Maté öffnet für mich an dieser Stelle einen Denkraum. Nicht als Beweisfigur. Eher als jemand, der die Frage verschiebt: nicht nur „Was stimmt mit einem Menschen nicht?“, sondern auch „Was ist diesem Menschen diesem Nervensystem geschehen?“
Diese Frage erklärt nicht alles. Aber sie weitet den Blick.
Gerade wenn etwas einmal sinnvoll war, verdient es Würdigung. Und gerade dann braucht es später die Frage, ob es heute noch dient — oder ob es längst zu viel Raum eingenommen hat.
Denn ein schneller Kopf kann eine Gabe sein.
Er kann aber auch so schnell werden, dass er das eigene Bedürfnis überholt.
Da ist etwas in mir, das Ruhe will, aber der schnelle Teil ist längst unterwegs. Da ist ein Bedürfnis nach Pause, nach Nichtzuständigkeit, nach einem Moment ohne inneren Dienstplan. Aber ehe dieses Bedürfnis eine Sprache findet, hat mein Kopf bereits organisiert, geregelt, vorgefühlt, mitgedacht.
Viele hochfunktionale Menschen wissen sehr genau, was zu tun ist.
Aber viel weniger genau, was sie selbst brauchen.
Oder welcher Wert gerade verletzt wurde.
Oder weshalb ein kleines Nein von außen plötzlich so tief trifft, als ginge es um viel mehr.
Oder warum der Körper längst angespannt ist, obwohl der Kopf noch ruhig erklärt, dass alles in Ordnung ist.
Für mich war Autofahren lange eine der wenigen Formen von Ruhe, die sich erlaubt angefühlt haben.
Ruhe mit Lenkrad.
Ich war unterwegs. Also war ich beschäftigt. Ich tat etwas. Ich brachte Kinder irgendwohin, holte etwas ab, kaufte ein, verband Orte, Zeiten, Bedürfnisse. Die Bewegung hatte Richtung. Sie hatte Zweck.
Und gerade deshalb fühlte sich diese Ruhe erlaubt an.
Dann machte ich das Radio aus.
Dann war da nur Straße. Atem. Hände am Lenkrad. Der Blick nach vorne. Kein Gespräch. Keine Frage. Keine direkte Antwort. Niemand wollte in diesem Moment etwas von mir.
Das war Stille, ohne stillstehen zu müssen.
Ruhe innerhalb von Produktivität.
Heute berührt mich dieser Gedanke sehr, weil darin so viel steckt. Nicht nur Unruhe. Auch Klugheit.
Wenn Ruhe ohne Aufgabe sich nicht sicher anfühlt, sucht sich das Nervensystem eigene Wege dorthin. Kleine Zwischenräume. Bewegung. Autofahrten. Spaziergänge. Gartenarbeit. Kochen. All die Tätigkeiten, in denen etwas weiterläuft und gleichzeitig etwas in einem selbst kurz aufatmen darf.
Für mich beginnt Veränderung genau dort.
Nicht mit dem großen Anspruch, endlich loszulassen.
Sondern mit der Frage:
Wo ist Ruhe überhaupt schon möglich?
Wo ist sie klein genug, um nicht bedrohlich zu werden?
Wo kann ich für einen Moment bei mir sein, ohne aus allem herauszufallen?
Früher war es oft das Auto.
Heute ist es häufiger das Gehen mit Paula.
Paula ist dabei nicht nur Begleitung. Sie ist auch Spiegel.
Hunde können sehr fein auf innere Anspannung, Tonfall, Tempo und Körperdruck reagieren. Und genau das macht sie auf unbequeme Weise ehrlich
Wenn Paula zieht, stehen bleibt, sich abwendet oder unruhig wird, bin ich plötzlich nicht mehr nur mit ihr beschäftigt. Ich komme auch mit mir selbst in Kontakt.
Mit Ärger. Ungeduld. Hilflosigkeit. Kontrollwunsch.
Oder mit Zärtlichkeit. Fürsorge. Freude.
Ein Hund fragt nicht nach unserem Selbstbild. Er antwortet auf das, was gerade da ist.
Selbstkontakt beginnt dann mit der schlichten Frage:
Wie rede ich gerade mit meinem Hund?
Wie klingt meine Stimme?
Wie viel Druck ist in meinem Körper?
Wie viel Eile?
Wie viel Liebe?
Wie viel Klarheit?
Dort, in solchen kleinen Momenten, beginnt für mich Fühlraum.

Nicht als großes therapeutisches Ereignis.
Sondern als zartes Band zurück zu mir selbst.
Ein Moment, in dem nicht sofort verstanden, erklärt oder weiterfunktioniert wird.
Ein Moment, in dem eine Frage auftauchen darf:
Was spüre ich gerade?
Nicht: Was ist die Lösung?
Nicht: Was muss jetzt passieren?
Nicht: Wie bekomme ich das schnell wieder in den Griff?
Sondern:
Was ist da?
Wut?
Trauer?
Druck?
Scham?
Müdigkeit?
Enttäuschung?
Ein verletzter Wert?
Ein Bedürfnis, das schon lange übergangen wurde?
Für hochfunktionale Menschen kann genau das ungewohnt sein. Nicht, weil sie keine Gefühle hätten. Sondern weil Verstehen oft schneller verfügbar ist als Spüren.
Der Weg zurück beginnt dann nicht mit großen Antworten.
Sondern mit kleinen, ehrlichen Momenten von Wahrnehmung.
Den eigenen Atemzug bemerken, bevor geantwortet wird.
Die Schultern wahrnehmen, bevor eine Lösung angeboten wird.
Eine Wut nicht sofort beschwichtigen.
Eine Traurigkeit nicht sofort sinnvoll finden.
Eine Pause nicht erst verdienen müssen.
Das klingt unscheinbar.
Ist es aber nicht.
Für ein Nervensystem, das lange über Leistung, Wachheit und Zuständigkeit organisiert war, kann eine echte Pause eine Zumutung sein.
Und zugleich ein Anfang.
Ich glaube, es braucht dafür Menschen, Tiere und Räume, die langsam genug sind, damit auch das eigene Tempo sinken darf.
Nicht durch Druck.
Sondern durch Einladung.
Dieses Wochenende war so eine Einladung
Nicht groß geplant. Nicht besonders inszeniert. Eher schlicht.
Weniger Termine. Weniger Verabredungen. Weniger Reize.
Mein Mann hatte sich das gewünscht. Ich hätte vermutlich wieder Pläne gemacht. Noch etwas verabredet. Noch etwas erledigt. Noch etwas verbunden.
Aber diesmal blieb es ruhiger.
Und etwas in mir wurde weich.
Der Atem wurde tiefer.
Der Blick weiter.
Das Herz weiter.
Da war Wärme. Ein inneres Summen. Dankbarkeit.
Ruhe fühlte sich nicht leer an.
Ruhe war wie Götterspeise.
Nicht als Stillstand.
Nicht als Rückzug aus dem Leben.
Sondern als weiches, kühles Medium, in dem Gedanken langsamer werden dürfen.
Die Bälle in der Squash-Halle waren noch da.
Aber es war, als hätte jemand von oben Götterspeise hineingekippt.
Nicht alles war weg.
Nur langsamer.
Gedämpfter.
Kühler.
Die Gedanken bekamen plötzlich Widerstand. Nicht harten Widerstand. Eher etwas Weiches, Nachgiebiges.
Und zum ersten Mal konnte ich sie sehen.
Der schnelle Kopf darf bleiben.
Die Fürsorge darf bleiben.
Die Wachheit darf bleiben.
Aber sie muss nicht mehr ununterbrochen arbeiten.
Sie darf aufhören, bevor sie sich selbst verliert.
Ich bin verbunden.
Aber ich bin nicht für alles zuständig.
Ich darf sehen, ohne sofort zu handeln.
Ich darf lieben, ohne alles zu tragen.
Ich darf wahrnehmen, ohne daraus sofort eine Aufgabe zu machen.
Die Gedanken mussten nicht verschwinden.
Sie mussten nur langsam genug werden, damit ich sie sehen konnte.