Zeugin eines vollendeten Lebens

Heute Morgen bin ich beim Gassigehen an verblühten Blumen vorbeigekommen. Ich blieb stehen. Mein Blick ruhte sich aus. Ich machte ein Foto, weil ich etwas festhalten wollte.
Sie waren nicht mehr frisch, nicht mehr in ihrer Blütezeit. Sie würden nicht noch einmal aufgehen. Und trotzdem waren sie schön. Schöner als zuvor. Sie hatten alles gegeben. Sie hatten geblüht, ihre Samen weitergegeben und ihre Saison erfüllt.
Sie mussten nichts mehr beweisen.
Ich atmete tiefer. Bis in den Zwischenrippenraum.
Später werde ich wieder nach München fahren. Ein kleines Flattern im Bauch. Ein Hauch Schwere. To-do-Listen im Kopf, die mich in Bewegung halten. Das Autofahren tut gut. Ich weiß das inzwischen.
Ich komme an, und alles in mir wird ruhig.
Den Mund auswischen. Trinken reichen. Angst stillen. Da sein. Den Raum halten. Ihre Temperatur spüren. Ihre Hand. Die Langsamkeit.
Ein Leben muss am Ende nichts mehr beweisen. Es muss nicht noch einmal jung werden. Es muss nicht gerettet werden. Es muss nicht produktiv sein. Und es muss auch nicht produktiv gewesen sein.

Es war einfach da. Genau so, wie es war.
Mit Brüchen, mit Umwegen, mit Schönheit, mit Zumutungen.
Die Endlichkeit erinnert mich daran immer wieder dieselbe Frage zu stellen:

Welcher Mensch möchte ich gewesen sein, wenn mein Leben vollendet ist?

Mit dieser Frage sitze ich da. In einer Stille, die außen still ist und in mir ihre eigene Sprache spricht.

Demut. – Würde. – Stille.

Gebe mir die Erlaubnis , einfach da zu sein.
Nicht zu retten. Nicht festzuhalten. Nicht gegen die Endlichkeit anzukämpfen.
Sondern zu bezeugen, dass ein Leben gelebt wurde.

Das ist gerade meine Aufgabe.
Zeugin eines vollendeten Lebens zu sein.