Heute Morgen bin ich raus und habe nach dem Melonentopf geschaut.
Ich war ein paar Tage weg. 5 Tage nur. Und trotzdem war plötzlich alles anders.
Vor ein paar Tagen hatte ich eine Honigmelone aufgeschnitten. Die Kerne, das glitschige Innere, alles, was sonst ohne großes Nachdenken im Biomüll landet, habe ich diesmal in einen Topf mit Erde geschabt.
Erde drüber. Wasser drauf. Rausgestellt.
Mehr war es nicht.
Kein Plan. Kein Vereinzeln. Kein Gärtnerinnenwissen. Kein großes Vorhaben.
Eher so: Mal sehen.
Und heute Morgen standen sie da.
Kleine grüne Hälse.
Dicht an dicht.
Viel zu viele für diesen Topf.
Ich musste lachen. Nicht laut. Eher so in mir drin .
Weil es so frech war.
So selbstverständlich.
So unbeeindruckt.
Während ich weg war, hatte das Leben einfach weitergemacht.
Ohne mich zu fragen.
Ohne auf mich zu warten. Oder irgendwas zu brauchen.
Da standen diese kleinen Melonenkeimlinge und streckten sich dem Licht entgegen.
Und ich dachte:
Der Melone ist der einzelne Kern wahrscheinlich ziemlich egal.
Sie produziert nicht einen Samen.
Sie produziert Hunderte.
Einige werden vertrocknen.
Einige werden zu eng stehen.
Einige werden gefressen.
Einige werden wieder Erde.
Und trotzdem ist da dieser verschwenderische Versuch.
Noch einer.
Noch einer.
Noch einer.
Als wäre die Natur nicht sparsam, sondern großzügig und verliebt ins Leben.
Nicht in den einzelnen Keimling.
In das Weiter.
Das hat mich kurz getroffen.
Weil wir Menschen uns ja doch sehr wichtig nehmen.
Ich jedenfalls tue das.
Meine Geschichte.
Meine Pläne.
Meine kleinen inneren Gerichtsverfahren.
Wer hat was gesagt.
Wer hat was nicht gesagt.
Was bedeutet das.
Und warum macht es schon wieder so einen Lärm in mir?
Und dann steht da so ein Topf mit Melonenkernen und gibt keine Antwort.
Er wächst nur.
Das ist doch irgendwie demütigend.
Nicht kalt oder grausam. Eher nüchtern.
Die Natur scheint sich nicht besonders dafür zu interessieren, ob ich mich gerade für bedeutend halte.
Die Melonenkerne keimen, ob ich zuschaue oder nicht.
Die Amsel baut ihr Nest.
Der Löwenzahn schiebt sich durch den Asphalt.
Die Wolken ziehen weiter.
Das Leben läuft nicht um mich herum.
Und gleichzeitig bin ich ja nicht nichts.
Mein Schmerz tut in meinem Körper weh.
Meine Freude geht durch meine Brust.
Meine Erinnerungen wohnen in mir.
Mein Blick auf die Welt existiert genau einmal.
Für mich bin ich nicht austauschbar.
Für das große Leben wohl schon.
Und genau da liegt dieser seltsame Spagat.
Ich bin nicht der Mittelpunkt der Welt.
Und trotzdem bin ich die Einzige, die mein Leben von innen erlebt.
Beides stimmt.
Vielleicht ist das die Kränkung:
Das Leben braucht mich nicht unbedingt.
Und vielleicht ist das der Trost:
Ich muss es auch nicht tragen.
Ich darf für eine Weile Teil davon sein.
Wie diese kleinen Keimlinge im Topf.
Keiner von ihnen scheint zu denken:
Ich bin der wichtigste von allen.
Keiner scheint zu denken:
Ich bin nur einer von hundert.
Oder darf ich überhaupt wachsen?
Sie wachsen einfach.
Ohne Größenwahn.
Ohne Entschuldigung.
Du bist da.
Also wachse.
