Ich stehe auf und folge ihr.
Sie läuft voraus. Nicht weit. Gerade so weit, dass klar ist, wohin die Reise geht. Dann dreht sie sich noch einmal um, als wolle sie prüfen, ob ich die Einladung auch wirklich verstanden habe.
Habe ich natürlich.
Im Treppenhaus angekommen, setzt sie sich vor ihren Napf. Sie frisst ein paar Bissen. Dann kommt sie wieder zu mir. Reibt ihren Kopf an meinem Bein. Schnurrt. Frisst weiter.
Es ist ein kleines Ritual. Eines von diesen Ritualen, die sich einschleichen, ohne beschlossen zu werden.
Früher stand ihr Napf in der Nähe unseres Esstisches. Während wir aßen, aß sie auch. Irgendwann zog der Napf ins Treppenhaus um, weil ein Hund in unser Leben trat und der die Angewohnheit hatte, Katzenfutter für eine allgemein verfügbare Ressource zu halten.
Die Katze reagierte darauf erstaunlich pragmatisch.
Wenn die Menschen nicht mehr beim Napf sind, müssen sie eben zum Napf kommen.
Problem gelöst.
Ich mag diese Klarheit. Sie erklärt nichts. Sie rechtfertigt nichts. Sie hält keinen Vortrag darüber, warum Gesellschaft beim Essen angenehm ist. Sie möchte es so. Also zeigt sie es.
Je länger ich ihr dabei zusehe, desto mehr frage ich mich, wann wir Menschen angefangen haben, manchmal aus einer Vorliebe ein Problem zu machen.
Bei Katzen finden wir das liebenswert. Bei Menschen wird schnell zerdacht.
Brauche ich zu viel?
Bin ich zu anhänglich?
Müsste ich das nicht allein können?
Müsste ich nicht unabhängiger sein?
Als gäbe es zwischen völliger Autonomie und völliger Abhängigkeit nichts.
Dabei besteht ein großer Teil des Lebens genau aus diesem Dazwischen.
Ich kann allein essen. Ich esse trotzdem lieber mit anderen.
Ich kann allein spazieren gehen. Und doch fühlt sich derselbe Weg anders an, wenn jemand mitgeht.
Ich kann allein traurig sein. Und gleichzeitig sehne ich mich nach jemandem, der neben mir sitzt und nichts löst.
Ich kann allein stark sein. Und bin dennoch erleichtert, wenn ich es nicht immer sein muss.
Liegt darin eine seltsame Verwechslung unserer Zeit?
Irgendwie machen wir manchmal Selbstständigkeit und Beziehung zu Gegensätzen. Als müssten wir entscheiden.
Entweder du brauchst niemanden.
Oder du brauchst andere.
Die Katze scheint von diesem Gedanken nichts zu halten.
Sie kann allein essen. Sie möchte nur nicht.
Und sie kommt nicht auf die Idee, daraus ein Charakterthema zu machen. Sie schämt sich nicht. Sie erklärt sich nicht. Sie fragt nicht, ob ihr Wunsch angemessen ist. Sie hebt den Blick, streicht um meine Füße und geht voraus.
Mich berühren Tiere immer wieder sehr. Aus den verschiedensten Gründen. Ganz besonders weil sie ihrem Instinkt folgen. Wir Menschen haben da so manches verlernt.
Sie scheinen weniger beschäftigt mit der Frage, wie sie sein sollten. Und näher an der Frage dran zu sein, was gerade gut tut.
Ich glaube das ist der Grund, warum ich ihr so gern ins Treppenhaus folge. Weil sie mich jedes Mal an etwas erinnert.
Dass Verbundenheit keine Schwäche ist.
Dass Nähe und Eigenständigkeit gleichzeitig existieren können.
Und dass ein Nervensystem bisweilen gar nicht mehr braucht als die Gewissheit:
Da ist jemand.
Während ich esse.
Während ich traurig bin.
Während ich mich freue.
Während ich einfach nur mein Leben lebe.
Die Katze frisst inzwischen den letzten Rest aus ihrem Napf. Dann streckt sie sich, wirft mir einen kurzen Blick zu und verschwindet in Richtung Wohnzimmer.
Die Gesellschaft wird nicht mehr benötigt. Für den Moment reicht es.
Bis zur nächsten Mahlzeit. Bis zur nächsten Einladung.
Bis sie wieder vor mir steht, schnurrt, um meine Füße streicht und ganz selbstverständlich davon ausgeht, dass gemeinsames Essen die bessere Idee ist.
