Das Wasser streicht über meine Haut, der Atem zieht rau durch den Schnorchel, vor mir taucht das Paddel meiner Tochter ein. Jeder Schlag setzt Diamanten ins Blau. Ich schwimme hinter ihr her, Zug um Zug. Eine von uns musste schwimmen – das alte Brett hatte keine Kraft für uns beide.
Wir hatten es gemeinsam zum Meer hinuntergetragen. Schwer lag es auf unseren Armen, ein ausrangiertes Brett, das uns der Händler mitgegeben hatte. Als wir beide darauf kletterten, sank es beinahe unter uns weg. Also sitzt sie jetzt vor mir, ruhig und selbstverständlich, und paddelt. Ich folge ihr.
Mein Arm geht nach vorne, taucht ein, zieht bis zur Schulter. Dort beginnt diese zweite kleine Bewegung, die bis zur Hüfte reicht und mich jedes Mal ein Stück weiterträgt. Ich höre nichts außer meinem Atem, der durch den Schnorchel zieht, dem leisen Blubbern der Luft und dem Wasser, das an meinem Körper vorbeigleitet. Vor mir hebt und senkt sich das Paddel. Es taucht ein, verschwindet kurz und hinterlässt einen Wirbel aus Luftblasen. Jede einzelne glitzert wie ein kleiner Diamant, bevor sie zur Oberfläche steigt.
Unter mir öffnet sich ein Blau, das kein Ende kennt.
Die Sonne fällt in langen Bahnen hinein. Lichtstrahlen schneiden durch die Tiefe und verlieren sich irgendwo dort unten. Ich schwimme und schwimme. Verliere mich. Werde eins mit dem Blau. Blau, so weit das Auge reicht. Irgendwann weiß ich nicht mehr, ob ich mich überhaupt bewege. Das Meer nimmt jedes Gefühl für Entfernung mit sich. Es gibt nur noch den nächsten Zug, den nächsten Atemzug, den nächsten Lichtstrahl.
Immer wenn mein Arm nach vorne gleitet, trifft die Sonne auf meine Haut. Für einen Augenblick bekommt das Blau ein Gegenüber. Mein Arm begrenzt die Weite, ohne sie kleiner zu machen. Haut und Wasser. Nähe und Tiefe. Alles und Nichts. Mein Kopf wird ruhig. Mein Herz nicht. Dort beginnt etwas in Bewegung zu geraten. Etwas, das lange still gelegen hat.
Ich hebe den Kopf. Die Taucherbrille liegt genau in dieser schmalen Schicht zwischen Unterwasser und Überwasser. Nach unten wird das Wasser zum Spiegel. Es wirkt flüssig und fest zugleich, als läge zwischen den beiden Welten eine dünne, schimmernde Haut. Spiegelflüssig? Ich suche meine Tochter. Dort vorne gleitet sie weiter. Das Paddel taucht ein, hebt sich wieder, setzt Diamanten ins Meer. Dahinter die Küste. Heller Fels. Scharfe Steine, die Fußsohlen aufreißen können. In ihren Vertiefungen bleibt Wasser zurück, trocknet und wird zu kleinen, weißen, funkelnden Salzplatten.
Ich hole Luft und tauche wieder ein in mein Hypnoseblau.
Ein Atemzug. Ein Zug. Ein Atemzug. Ein Zug.
Irgendwann merke ich, dass ich gar nicht einfach nur schwimme – ich tauche in mich hinein. Wie bei einer Meditation.
Ich gehe auf Schatzsuche.
Nicht nach Muscheln. Nicht nach Steinen. Nach den goldenen Momenten meiner Kindheit.
Mein Vater pumpt das Schlauchboot auf, trägt es zum Meer. Ein großer Stein liegt darin. Wir drei Kinder klettern aus dem knietiefen Wasser hinein. Sitzen mit Masken, Schnorcheln und manchmal Flossen bepackt im schaukelnden Boot. Mein Vater zieht es hinter sich her. Ein Seil läuft außen herum. Da, wo das Wasser tiefer wird, nimmt er es zwischen die Zähne und beginnt zu schwimmen. Seine Schultern arbeiten gleichmäßig. Sein Rücken hebt und senkt sich mit jedem Zug. So zieht er uns hinaus aufs Meer.
Heute staune ich über diese Kraft. Damals war sie selbstverständlich.
An der richtigen Stelle hält er an, und ich darf den Stein zum Anker machen. Ich wickle das Seil, das gerade noch Schleppleine war, darum, so fest ich kann. Manchmal hält es. Manchmal verrutscht es. Der Stein verschwindet auf dem Meeresgrund, und mein Vater taucht hinterher. Er holt ihn zurück. Immer wieder. Ich versuche es noch einmal. Irgendwann gelingt es. Der Anker hält. Ich bin stolz.
Dann springen wir alle ins Wasser.
Unter uns Krebse. Ein paar bewachsene Steine. Kleine schimmernde Fischlein. So klein das sie niemal in unseren Netzten bleiben. Wie huschen einfach durch. Es ist kleines Riff an dem wir unsere Schnorchelversuche machen. Für andere kaum der Rede wert. Für uns eine ganze Welt. Wir lernen, wie man einen Krebs von hinten hält, ohne gezwickt zu werden. Wir sehen Muscheln, viele Muscheln. Wir lassen sie dort. Keiner von uns möchte ihr Leben beenden, nur um etwas mit nach Hause zu nehmen.
Ich schwimme weiter. Das Meer trägt mich. Meine Tochter paddelt. Diamant für Diamant.
Und irgendwo zwischen zwei Atemzügen wird mir klar, dass Erinnerungen sich nicht machen lassen. Sie kommen. Leise. Fast schüchtern. Wie Licht, das plötzlich bis auf den Grund fällt.
Eine tiefe, grün-goldene Dankbarkeit funkelt in meinem Blick – erreicht mein Herz.
Auch meine Mutter ist da. Ihre Erinnerungen kommen leiser, nicht so zahlreich. Aber sie kommen. Ich nehme sie genauso behutsam auf wie die meines Vaters. Familienbrüche tun weh. Sie hinterlassen Wunden. Manche schließen sich. Manche bleiben empfindlich. Es gibt Tage, an denen sie sich bemerkbar machen, obwohl sie längst vernarbt sind.
Im Wasser komme ich ihnen heute nahe.
Trauer streift mich. Liebe bleibt.
Der Schmerz bleibt auch. Aber er bekommt Nachbarschaft.
Ich schwimme weiter. Das tiefe Blau verliert langsam seine Dunkelheit. Erst wird es heller, dann türkis, schließlich grün. Seegras bewegt sich unter mir. Ich sehe den Grund. Ich sehe meine Hände. Ich sehe meine Schwimmzüge. Zum ersten Mal kann ich erkennen, dass ich vorankomme. Eben noch war alles unendlich. Jetzt bekommt die Welt wieder Maße.
Vor mir erreicht meine Tochter den kleinen Strand. Ich sehe ihren Stolz schon aus der Entfernung. Das Brett schaukelt leicht auf den kleinen Wellen. Über den Felsen stehen Pinien. Ihr Duft mischt sich mit dem Salz auf meinen Lippen. Das Wasser trägt mich noch ein paar Meter weiter, bevor meine Füße den Boden berühren.
Fünf Stunden später sitzen wir am Strand.
Wir werden geschimpft. So weit draußen. So lange weg.
Ich lächle.
Das ist alles okay.
Ich trage einen neuen Schatz in mir.
Warum ich das hier teile? Vier Gründe: Ich erzähle gerne Geschichten. Ich habe das Thema Familienbruch selbst in meinem Leben – nicht abstrakt, sondern sehr konkret. Ich glaube an einen transparenten Umgang damit, statt es zu verschweigen. Und ich möchte zeigen, welche Methoden es gibt, um mit genau solchen Erfahrungen zu arbeiten – Methoden, die mein eigenes Leben und meine berufliche Perspektive geprägt haben.
Denn daraus lässt sich ein gutes, selbstbestimmtes Leben bauen. Nicht durch eine einzelne Methode oder positives Denken, sondern durch ein ganzes Geflecht aus Persönlichkeitsentwicklung: Haltungsarbeit, innere Ausrichtung, Belesenheit, und immer wieder das Zusammenspiel aus kognitivem Verstehen und körperlich erfahrbaren Erlebnissen.
Was ich im Wasser gemacht habe – bewusst nach guten Erinnerungen suchen und sie als Schatz anerkennen – ist selbst schon methodisches Arbeiten, kein Zufall. Möglich wird das aber erst, wenn man sich vorher angeleitet mit einem Ansatz wie der Drei-Säulen-Methode auseinandergesetzt und sich professionelle Begleitung geholt hat. Nur lesen reicht nicht.
Ein Grund kommt noch dazu: Aus Erfahrung merke ich, dass Menschen gerne zu mir kommen, wenn sie wissen, dass ich selbst da war. Das heißt nicht, dass nur eigene Erfahrung gut begleiten kann – im Gegenteil, es gibt wunderbare Therapeut:innen, die fantastische Arbeit leisten, ohne das Gleiche durchlebt zu haben. Aber es ist noch mal ein eigener Vertrauenspunkt. Nachdem ich Gisèle Pelicots „Eine Hymne an das Leben: Die Scham muss die Seite wechseln“ gelesen habe, wurde mir klar: Wir dürfen uns zeigen.
Wer tiefer einsteigen möchte, findet in den Kommentaren die Bücher, die mich auf diesem Weg besonders geprägt haben – als Ausgangspunkt, nicht als Ersatz für Begleitung.
Drei Werke, die für mich zentral waren:
Mary D. Salter Ainsworth, Mary C. Blehar, Everett Waters, Sally N. Wall – „Patterns of Attachment: A Psychological Study of the Strange Situation“ (1978). Die Grundlagenarbeit der Bindungsforschung – hier wurden die Bindungsstile (sicher, ängstlich-ambivalent, vermeidend) erstmals empirisch beschrieben.
Daniel P. Brown & David S. Elliott – „Attachment Disturbances in Adults: Treatment for Comprehensive Repair“ (2016). Baut auf Ainsworths Grundlagen auf und entwickelt daraus die Drei-Säulen-Methode zur Bindungsreparatur im Erwachsenenalter – u. a. mit dem Ideal-Parent-Figure-Protokoll, das mit geleiteter Imagination arbeitet.
Verena König – „Trauma und Beziehungen“ (2024). Zugänglich geschrieben, mit vielen Fallbeispielen dazu, wie frühe Bindungserfahrungen im Nervensystem nachwirken und wie Imaginationstechniken helfen können, wieder Zugang zu abgespaltenen Anteilen zu finden.
