Ver / Fair – Änderung

Wenn Veränderung immer so leicht wäre.

Aus Marillen wird Marmelade. Man pflückt sie, schneidet sie auf, entfernt die Kerne, kocht sie ein. Am Ende stehen die Gläser auf der Arbeitsplatte. Goldgelb, fertig, haltbar. Vorher war das eine, danach ist etwas anderes entstanden. So übersichtlich kann Transformation aussehen.

Während ich auf der Leiter stehe, fühlt sich das Ganze deutlich weniger übersichtlich an. Die Leiter wackelt, unter dem Baum liegen schon viele heruntergefallene Marillen, und unser Hund läuft begeistert zwischen meinem Mann, mir und den Leiterbeinen hin und her. Wir pflücken gemeinsam, reichen uns Früchte und Körbe, versuchen den Überblick zu behalten. Dabei sehe ich den Zettel wieder, den ich vor ein paar Tagen an den Zaun gehängt habe: „Bitte bedient euch.“ Jemand hat einen kleinen zweiten Zettel daran befestigt. Darauf steht nur: „Vielen Dank.“

Dieser kleine Gruß berührt mich. Und während ich weiterpflücke, denke ich über Fairness nach. War es fair, die Marillen freizugeben? Oder war es schlicht vernünftig, weil es für uns zu viel war? Fair gegenüber den Menschen, die sich bedienen können? Gegenüber den Früchten, die sonst auf dem Boden verfaulen würden? Auch uns selbst gegenüber, weil wir nicht alles schaffen müssen, nur weil es da ist?

Kurz darauf höre ich das Wort Veränderung anders: FAIRänderung.

Der Gedanke gefällt mir sofort. Gleichzeitig wird er mit jedem weiteren Schritt komplizierter. Was wäre eine faire Veränderung? Fair für wen? Wer entscheidet darüber? Kann eine Veränderung fair sein, wenn einige Menschen durch sie etwas gewinnen und andere etwas verlieren? Was geschieht, wenn eine Entscheidung für eine Organisation notwendig ist und sich für eine einzelne Person trotzdem ungerecht anfühlt?

Veränderung geschieht ohnehin. Darauf ist Verlass. Menschen verändern sich, Beziehungen verschieben sich, Organisationen entwickeln neue Regeln, Gesellschaften reagieren auf neue Bedingungen. Selbst der Versuch, alles zu bewahren, verändert etwas. Daher interessiert mich nicht nur, wie Veränderung möglich wird. Mich beschäftigt ebenso, aus welcher Haltung heraus sie gestaltet wird und wie Menschen dabei mitgenommen werden können, ohne dass ihnen vorgeschrieben wird, was sie fühlen oder denken sollen.

Für mich gehören dabei das äußere und das innere System zusammen. Es braucht den Blick auf Strukturen, Regeln, Macht, Beziehungen und die Frage, was ein bestehendes Muster aufrechterhält. Zugleich lohnt sich die Bewegung nach innen: Was geschieht gerade in mir? Warum fühle ich mich bedroht, verlassen oder übergangen? Worauf reagiere ich in diesem Moment? Welche alte Erfahrung spricht mit? Diese Fragen machen ein strukturelles Problem nicht zu einer rein persönlichen Aufgabe. Sie verhindern aber, dass Verantwortung ausschließlich nach außen gegeben wird.

Später sitzen mein Mann und ich am Tisch. Wir schneiden die Marillen auf, unsere Hände werden immer klebriger. Erst probieren wir den Zwetschgenentsteiner, dann den alten Kirschentsteiner meiner Oma. Wir testen, was hier funktioniert. Auch Veränderung braucht dieses Prüfen. Wissen hilft, weil es Zusammenhänge sichtbar macht, Sprache gibt und neue Möglichkeiten eröffnet. Verstehen allein führt jedoch noch nicht sicher zu einem anderen Handeln. Besonders unter Druck greifen Menschen oft auf das zurück, was lange eingeübt wurde. Neue Erfahrungen brauchen Wiederholung, Beziehung und Zeit.

FAIRänderung wäre für mich deshalb kein Zustand, in dem alle zufrieden sind und niemand etwas verliert. Eher eine Haltung, die immer wieder geprüft werden muss. Werden Folgen offen benannt? Wird gefragt, was erhalten bleiben soll, weil es bereits trägt? Können Menschen verstehen, was gerade in ihnen, zwischen ihnen und im System geschieht? Werden auch jene mitgedacht, die nicht am Tisch sitzen und die Folgen einer Entscheidung dennoch tragen?

Am Ende stehen die Marmeladengläser nebeneinander. Für einen Moment sieht Veränderung wirklich einfach aus: Hier die Frucht, dort die Marmelade, dazwischen ein klarer Ablauf. Ein Teil von mir mag diese Vorstellung sehr. Gleichzeitig weiß ich, dass Veränderung bei Menschen, Teams und Gesellschaften anders verläuft. Sie ist widersprüchlicher, weniger sauber und oft erst spät als solche zu erkennen.

Gerade das interessiert mich. Wie können Haltung und Notwendigkeit zusammenkommen? Wie kann Orientierung entstehen, ohne Menschen zu entmündigen? Wie lassen sich innere und äußere Bedingungen gemeinsam betrachten? Und wie kann aus Veränderung eine FAIRänderung werden, obwohl sie niemals für alle in gleicher Weise fair sein wird?