Zwischen Fortuna und Gegenwart

Meine Hand gleitet über den kühlen Marmor. Wie viele Hände mögen diesen Stein schon berührt haben? Meine Schultern spüren das Tuch, das ich über sie gelegt habe. In mir staunt es. Fast kindlich. Wie an Weihnachten. Dieses große Nichtbegreifen. Etwas nicht fassen können und zugleich tief zu wissen: Es ist wirklich.

Mein Blick hebt sich. Säulen. Bögen. Farben. Licht. Wie konnte das vor Jahrhunderten entstehen? Im Dom von Siena entstanden 56 Bodenbilder über beinahe fünf Jahrhunderte. Rund 40 Künstlerinnen und Künstler arbeiteten daran. Generation für Generation. Viele wussten, dass sie die Vollendung nie erleben würden.

Heute denken wir in Projekten. In Quartalen. In Geschäftsjahren. Dort dachte man in Generationen. Es genügte, einen Stein so sorgfältig zu setzen, dass jemand hundert Jahre später darauf weiterbauen konnte.

Mein Blick wandert nach unten. Der Boden. Oder besser: ein Buchboden

Ein begehbares Buch. Wer nicht lesen konnte, konnte sehen. Wer stehen blieb, begann zu denken. Ich bin dankbar, dass die Bodenbilder heute abgesperrt sind. Sie verlangen Zeit. Bei einem Bild bleibe ich lange. Eine junge Frau balanciert auf einer Kugel und einem Schiff. Der Mast ist gebrochen. In ihrer Hand trägt sie ein Füllhorn.

Fortuna. Kugel. Schiff. Gebrochener Mast. Ausgerechnet dort hält sie das Gleichgewicht.

Ich spüre, wie sehr ich mir festen Boden wünsche. Weiß wie oft das Leben Bewegung bleibt. Ich öffne den Blick. Hinter Fortuna steigen Menschen einen steilen Weg hinauf. Der Weg führt zur Weisheit. Ich sehe das Loslassen. Mit jedem Schritt scheint etwas zurückzubleiben. Ich weiß nicht, ob der Weg leichter wird. Die Menschen wirken leichter.

Ich frage mich, wie viel ein Mensch wirklich braucht. Wie viel Sicherheit – Anerkennung – Besitz. Und wo aus einem Wunsch ein Festhalten wird. Da taucht noch etwas in dem Bild auf. Die Einsamkeit. Keine kalte, bittere. Eher eine, die still neben einem geht. Eine, mit der Frieden geschlossen werden darf.

Je länger ich schaue, desto weniger suche ich nach einer Antwort. Ich bleibe lange stehen. In mir tauchen Sätze meiner beiden Omas auf. „Wir wissen immer mehr – aber gescheiter werden wir nicht.“ „Geld macht nicht glücklich, aber es weint sich leichter.“ Wie mühelos sie sich zwischen Fortuna und den aufsteigenden Philosophen einfügen. Über zweitausend Jahre liegen zwischen ihnen. Die Fragen scheinen dieselben geblieben zu sein.

Was trägt? Was genügt? Was ist ein gutes Leben?

Ich freue mich über einen kleinen Moment. Nicht, weil ich Antworten gefunden hätte. Eher, weil ich aufgehört habe, sie sofort finden zu müssen. Demütige Ruhe breitet sich aus. Ich verlasse den Dom langsamer, als ich ihn betreten habe.

An den Steinen hat sich nichts verändert. An den Fragen auch nicht. Nur meine Art, ihnen zu begegnen.