Dragonfly

Das Wasser ist heute besonders. Ich lasse meine Beine hängen und spüre, wie von unten die Kälte hochzieht, winterfrisch, fast scharf. Oben, direkt unter der Wasseroberfläche, schon warm. Zwei Temperaturen gleichzeitig. Ich schwimme langsam, das Gesicht zur Seite. Die Berge blitzen am Horizont, noch mit Schnee. Der See ist weit. Der Kopf wird ruhig. Die Gedanken verlieren ihre Dringlichkeit. Sie treiben einfach mit.

Ich denke an meine Freundin. Ihre Mutter ist gestorben. Beim nächsten Schwimmzug denke ich an einen Freund. Gefühlt war gestern sein Geburtstag, auf dem seine Nichte uns erzählte, dass sie „nicht allein“ hier am Tisch sitzt – heute ist ihr Geburtstermin. Der See trägt das alles irgendwie. Alles gleichzeitig.

Ich schwimme zurück. Klettere an den Steinen hoch. Mein Handtuch ist herrlich rau. Ich rubbele mich ab und schaue noch einmal auf den See. Das Licht liegt flach drauf, funkelnd, goldfarben, fast orange. Beim tiefen Einatmen rieche ich den Schlamm, den es hier so oft gibt. Uferschlamm. Er riecht nach Verwesung und nach Leben.

Ich setze mich auf einen alten Baumstamm. Sonnenausgeblichen, glattgeschliffen. Vom Grill her zieht Rauch herüber, Stimmen, Lachen, das Klirren von Gläsern. Geburtstagsfeiergeräusche. Ich habe mich ein Stück abgesetzt – nicht weit, aber weit genug. Möchte erst noch ein bisschen bei mir ankommen bevor ich bei den anderen bin. Erstmal ein wenig sein. Mit nassen Haaren die tropfen. Mit einer Haut die lustig spannt wenn sie das Trocknen anfängt. Mit Gerüchen in der Nase. Und mit einem offenen Blick der ganz verliebt ist in diesen lauen Sommerabend.

Da seh ich sie
Vielleicht neun, vielleicht zehn Jahre alt. Lange Haare, die sich unten zu wippenden Schneckenlocken drehen. Sonnensommerbraune Haut. Sie arbeitet an irgendwas. Konzentriert, mit dem ganzen Körper dabei. Ich schaue ihr zu. Beobachte. Irgendwann frage ich sie was sie macht.

Sie antwortet nicht. Schaut nicht auf.
Von irgendwo weiter hinten ruft ein Bekannter zu mir herüber: Die spricht nicht einfach so mit jedem. Das Mädchen hebt kurz den Blick – nicht zu mir. Zu ihm. Er irritiert mich – er passt so gar nicht zu dem Wesen das ich gerade noch gesehen habe. Ein Blick der mehr ist als ein kurz Genervt-Sein, mehr ist als Grantig-Sein. Ich glaube eine große Müdigkeit darin zu sehen und Wut zu erkennen.
Darüber, dass über sie gesprochen wird, als wäre sie nicht da? Ist sie es gewohnt,dass Erwachsene kommen und ihr ihre Stimme nehmen? Ihr Dinge erklären wollen, die sie selbst nicht verstehen? Ich weiß es nicht. Aber ich bin berührt von dem Moment.

Dann senkt sie wieder den Blick. Arbeitet weiter. Ich lasse sie, beobachte weiter. Irgendwann bin ich zu neugierig stehe auf und gehe näher. Sie schaut kurz hoch – gleichgültig fast. Ich beobachte ihre Bewegungen. Wie sie die Steine aufhebt, prüft, ablegt. Alles sehr sorgsam. Alles sehr bedacht und zart.

Irgendwann sagt sie: Ein Haus. Ich bau gerade ein Haus.

Für wen? Sie schaut mich an. Da musst du schon herkommen.

Ich komme. Und da sitzen sie: zwei Libellen. Kaputte Beine. Ausgefranste Flügel. Das Mädchen fasst eine beherzt an, hebt sie hoch, zeigt sie mir. Ich denke sofort: Oh je. Lass sie doch. Vielleicht erholen sie sich ja noch. Ich fange an zu reden. Vorsichtig, kindgerecht, wie ich meine. Bau ruhig weiter, gute Idee, aber vielleicht—

Das Mädchen schaut mich an. Dunkle tiefe Augen – ein Moormeer. Sie atmet aus. Dieses lange, schwere Ausatmen, das Erwachsene manchmal machen, wenn sie Kindern etwas erklären müssen, das die eigentlich längst wissen sollten. Nur dass es hier umgekehrt ist.

Weißt du, die sterben jetzt bald. Ich möchte ihnen einen schönen Plazum Sterben bauen .

Dann schaut sie die Libellen an. Ihre Stimme wird ganz sanft dabei. Sie erklärt mir ihr Leben – die Jahre unter Wasser, die Verwandlung, den kurzen Sommer im Licht. Und dann das Ende: dass nach der Paarung kommt. Dass das so ist. Dass das in Ordnung ist. Sie weiß das alles. Trägt es ganz selbstverständlich in sich. Nicht als Traurigkeit. Einfach als Wissen.

Ich hatte die Libellen schützen wollen. Vor ihr.

Aber sie war nicht das Problem. Ich war das Problem. Ich war diejenige, die die Wirklichkeit nicht aushielt. Die noch Hoffnung hineinreden wollte, wo gar keine mehr gefragt war. Das Mädchen hat die kaputten Beine gesehen und ist trotzdem liebevoll geblieben. Es hat nicht gerettet. Es hat einen Ort gebaut.

Beistehen, ohne einzugreifen. Das lernen die wenigsten.

Wir „Großen“ tun uns mit dem Tod schwer, lassen ihn nicht ins Leben rein. machen ihn absurd ordentlich- veruschen ihn zu organisieren. Leichen kommen schnell ins Leichenhaus, Gespräche werden leiser, Themen wechseln. Wir wollen Kinder schützen – und meinen damit: Wir ersparen ihnen das. Als wäre der Tod etwas, wovon man jemanden fernhalten könnte. Haben den Umgang damit verlernt.

Dieses Mädchen wusste es anders. Nicht aus Büchern. Aus ihrem Herz heraus. Sie wusste es mit ihren Händen, mit Gras, mit kleinen Zweigen und sorgsam gelegten Steinen. Sie wusste: Auch das Sterben verdient einen Platz. Einen guten Platz. Einen, den jemand mit Sorgfalt, Liebe und Zugewandheit gebaut hat.

Sie trägt beides in sich – diese wilde Wut und diese Zärtlichkeit. Sie widersprechen sich nicht. Sie gehören zusammen. Wie der Schlamm und das Licht hier am Ufer. Wie die Wärme unter der Oberfläche und die Kühle in der Tiefe des Sees. Wie die Nachricht vom Tod und die Nachricht von der Geburt, die am selben Abend kommen.

Alles gleichzeitig.

Immer.