Muttertag

Muttertag

Ich stehe auf dem Bauernmarkt in Mühldorf vor einem dieser wunderschönen Stände voller kleiner Gestecke, Blümchen, Schleifen und liebevollem Allerlei.

Neben mir zieht ein kleines Mädchen an der Hand seiner Mutter.

„Mamaaa …“

Von ein paar Ständen weiter vorn duftet es nach frischen Brezen und süßem Hefegebäck.

Die Mutter folgt mit dem Blick der ausgestreckten Hand des Kindes, lächelt, bezahlt noch schnell und lässt sich dann weiterziehen.

Alles ist in Bewegung.

Menschen kaufen Blumen.
Jemand genießt ein Stück Kuchen im Gehen.
Es wird gelacht.
Bezahlt.
Weitergezogen.

Muttertag.

Meine Umhängetasche schneidet mir in die Schulter. Ich verlagere das Gewicht.

Bleibe kurz stehen.

Und plötzlich ist da dieses Gefühl, dass es nicht nur die Tasche ist, die schwer geworden ist.

Es gibt solche Momente. Sie kündigen sich nicht an. Sie kommen zwischen zwei Atemzügen. Mitten im Alltag.

Mitten zwischen Blumenständen und Kopfsteinpflaster. Etwas rollt durch meinen Körper. Von außen kaum sichtbar. Für mich deutlich spürbar.

Und erst dann läuft eine Träne über meine Wange. Leise. Zwischen all den Blumen. Zwischen all den Menschen, die heute etwas für ihre Mutter kaufen.

Ich wische sie nicht sofort weg.

Ich bleibe stehen.

Nicht lange.

Aber lang genug, um nicht wieder über mich selbst hinwegzugehen.

Ich lege mir eine Hand auf die Brust.
Ein Stück höher.
Dorthin, wo das Schlüsselbein beginnt.

Unter meiner Hand spüre ich Atem.
Wärme.
Dieses leise Ziehen.

Der Markt bewegt sich weiter um mich herum.
Ich bewege mich einen Moment nicht.

Und aus diesem stillen Dazwischen heraus wandern meine Gedanken weiter als dieser Markt.

Nach Russland, wo Muttertag im November liegt.
Nach Thailand, wo er im August gefeiert wird.
Nach England, wo er in den Frühling fällt.

Dieser Tag ist also gar nicht so fest, wie er sich anfühlt.

Er wandert.
Er verändert seine Form.
Er meint nicht überall dasselbe.

Das beruhigt mich.

Nicht alles muss heute eindeutig sein.

Ich darf stehen bleiben.
Ich darf merken, was dieser Tag in mir berührt.

Ich stehe hier als Frau.
Als Mutter.
Als Tochter.
Als Mensch mit Geschichte.

Und um mich herum stehen andere Menschen mit ihren Geschichten.

Mit Blumen in der Hand.
Mit Freude im Gesicht.
Mit etwas im Körper, das niemand sieht.

Eine Mutter fehlt.
Ein Kind fehlt.
Ein Kind kam nie.
Nähe war ersehnt und blieb aus.

Freude.

Schmerz.

Lücke.

Alles hat Platz an diesem Tag.

Irgendwo ruft wieder ein Kind nach seiner Mutter.

Jemand trägt einen Blumenstrauß über den Platz.

Das Leben läuft weiter.

Der Stoff meiner Tasche schneidet noch immer etwas in meine Schulter.

Ich gehe weiter.