Sonntagmittag.
Oder früher Nachmittag. So genau lässt sich das nicht sagen, weil diese Tage irgendwann ineinanderlaufen wie nasse Wasserfarben.
Ich sitze in Ampfing auf der Terrasse, in einer Jeans, die unten am Knie inzwischen wirklich nicht mehr als „leicht used“ durchgeht. Neben mir steht ein Kaffee, auf dessen Oberfläche sich schon wieder diese leicht beleidigte Haut gebildet hat. Ich hatte ihn gemacht, dann war ich kurz drin, weil noch schnell die Waschmaschine umgeräumt werden musste. Dann fiel mir ein, dass die Hundehaare auf dem Teppich inzwischen eine eigene kleine Provinz gegründet haben.
Der Rasen müsste auch noch gemäht werden.
Und die Woche war ohnehin absurd voll gewesen.
Das Telefon klingelt.
Meine Schwester.
Gardasee.
Auch dort offenbar keine vollständige Erlösung vom menschlichen Dasein.
Im Hintergrund Geschirrklappern, Wind, Stimmen. Wir beginnen zu reden, wie Schwestern eben reden. Nicht besonders linear. Eher in Schleifen. Von Müdigkeit zu Einkaufsliste zu Weltlage zu Hundefutter zu Lebensfragen.
„Ich sag’s dir ehrlich“, sagt sie irgendwann, „das haut doch hinten und vorne nicht hin.“
„Nee“, sage ich. „Tut es wirklich nicht.“
Dann zählen wir auf.
Rasen mähen. Staubsaugen. Hundehaare. Arbeit. Familie. Nachrichten beantworten. Hausaufgaben. Papierkram. Irgendetwas mit Versicherungen. Irgendetwas mit Kalendern. Irgendetwas ist sowieso immer.
Und nebenbei soll man bitte achtsam sein, gesund, gut organisiert, emotional reguliert, liebevoll, produktiv und wenn möglich noch ballaststoffreich essen.
Es entsteht dieses erschöpfte Schmunzeln, das vermutlich viele Menschen irgendwann entwickeln. Dieses Lachen kurz vor dem leichten Wahnsinn.
„Moment mal“, sagt meine Schwester plötzlich.
„Wenn man ehrlich ist, hat Gott da aber auch völlig übertrieben.“
„Womit jetzt genau?“, frage ich.
„Na mit dieser Schöpfungsgeschichte. Sechs Tage!“
Ich muss sofort lachen.
„Stimmt eigentlich.“
Und dann fangen wir an zu rechnen.
Tag eins: Licht und Finsternis.
Tag zwei: Himmel.
Tag drei: Land, Meer, Pflanzenwelt.
Tag vier: Sonne, Mond, Sterne.
Tag fünf: Tiere.
Tag sechs: Menschheit.
Und danach auch noch: Ruhetag.
„Ganz ehrlich“, sagt sie, „das ist doch kein normales Zeitmanagement mehr.“
Ich verschlucke mich fast an meinem inzwischen vollständig erkalteten Kaffee.
Denn plötzlich steht dieser göttliche Wochenplan wie ein völlig entgleister Motivationscoach mitten zwischen unseren Wäschebergen.
Während wir beide seit Tagen versuchen, einfach nur halbwegs würdevoll durch den Alltag zu kommen.
„Und dann ruht der auch noch am Sonntag“, sage ich. „Das muss man sich mal vorstellen.“
Meine Schwester lacht so sehr, dass sie erst mal gar nicht weiterreden kann.
Je länger wir darüber sprechen, desto absurder wird alles.
Denn irgendwo sitzen Menschen mit schlechtem Gewissen, weil sie ihren Kleiderschrank immer noch nicht aussortiert haben.
Menschen beantworten nachts um halb elf noch Nachrichten mit „Kein Problem 😊“.
Menschen hören Podcasts darüber, wie sie ihre Morgenroutine optimieren können, während sie gleichzeitig vergessen zu trinken.
Und wenn es nicht klappt, denken viele zuerst:
Ich müsste mich besser strukturieren.
Nicht:
Das ist einfach zu viel.
Es ist schon erstaunlich, wie tief diese Vorstellung sitzt, dass ein gutes Leben vor allem ein gut organisiertes Leben sein müsse.
Alles ordentlich.
Alles effizient.
Alles im Griff.
Am besten noch farblich sortiert.
Und wehe, jemand sagt:
„Ich schaffe das gerade nicht.“
Dann kommen sofort Tipps.
Hast du schon eine App probiert?
Machst du genug Selfcare?
Du musst besser priorisieren.
Steh früher auf.
Plane klüger.
Blocke Zeitfenster.
Reduziere Bildschirmzeit.
Mealprep.
Journaling.
Eisbaden vermutlich auch noch.
Als läge das ganze Problem nur an einer unzureichenden Wochenplanung
Ich sitze inzwischen mit angezogenen Knien auf dem Stuhl, sehe meinen völlig verwilderten Garten an und denke darüber nach, dass selbst Gott nach sechs Tagen gesagt hat:
So. Jetzt reicht’s.
Das erscheint mir plötzlich als der vernünftigste Teil der ganzen Geschichte.
Nicht die perfekte Schöpfung.
Der Ruhetag.
Nicht:
„Jetzt optimiere ich noch schnell die Meeresströmungen.“
Nicht:
„Nur noch kurz die Insekten überarbeiten.“
Sondern:
Schluss jetzt.
Ein paar Tage später bin ich mit unserem Hund bei der Tierärztin. Auch das gehört ja zu diesen Wochen, in denen das Leben weniger nach Plan aussieht, sondern eher nach losem Bündel aus Besorgungen, Terminen, Pflichten und Tieren, die natürlich auch noch ihre eigenen Anliegen haben.
Ich erzähle ihr von meiner Schwester, vom Gardasee, von unserem Telefonat und von der Theorie, dass Gott mit diesen sechs Tagen wirklich ein ziemlich fragwürdiges Zeitmanagement-Vorbild abgegeben hat.
Die Tierärztin muss lachen.
Dann sagt sie:
„Ach wissen Sie, das ist doch ganz einfach. Der war halt einfach noch wahnsinnig jung. Erinnern Sie sich mal, wie wir waren, als wir jung waren.“
Und da ist sie plötzlich.
Die zweite Ebene.
Nicht Gott als strenger Leistungsmaßstab.
Nicht Gott als unerreichbare Instanz, an der wir alle mit unseren ungeputzten Küchen, offenen Rechnungen und flatternden Nerven scheitern.
Sondern Gott als junger, etwas enthusiastischer Anfänger.
Sobald man Gott gedanklich aus dieser unberührbaren Vollkommenheit kurz herunterholt und ihn als jungen, etwas übermotivierten Kerl betrachtet, verschiebt sich der ganze Ton.
Dann steht da nicht mehr die perfekte göttliche Ordnung im Raum, an der alle anderen scheitern.
Sondern ein gigantisches Erstlingswerk.
Gut gemeint.
Wahnsinnig ambitioniert.
An manchen Stellen etwas übereilt.
Und plötzlich wird vieles nachvollziehbarer.
Die Erdachse.
Die Wechseljahre.
Mücken.
Hundehaare.
Steuerformulare.
Alles wirkt ein wenig weniger wie göttlicher Plan und ein wenig mehr wie:
„Ach herrje. Da war jemand noch sehr jung und hatte große Ideen.“
Das ist auf eine seltsame Weise entlastend.
Denn wenn selbst die Welt nicht ganz fertig, nicht ganz logisch und nicht ganz aufgeräumt wirkt, muss der eigene Sonntag auch nicht so tun, als sei er ein Projektabschlussbericht.
Meine Schwester sagt irgendwann:
„Also ich finde wirklich, dass er da eine zu große Hausnummer gesetzt hat.“
„Ja“, sage ich. „Für normale Menschen völlig unrealistisch.“
Kurze Pause.
„Wahrscheinlich schaffen das wirklich nur Götter.“
Und selbst da würde ich inzwischen gern mal die Erschöpfungswerte danach sehen.
Der Kaffee ist untrinkbar geworden.
Drinnen wartet irgendwo noch die Wäsche.
Draußen der Rasen.
Und vermutlich fliegen gerade neue Hundehaare durchs Haus.
Aber für einen Moment fühlt sich das alles nicht mehr wie persönliches Versagen an.
Eher wie der ganz normale Kladderadatsch des Menschseins.
Und am Ende bleibt für meine Schwester und mich eine schlichte Erkenntnis:
Der liebe Gott hat da echt übertrieben.
Sechs Tage für die ganze Welt sind einfach eine sehr große Hausnummer.
Das lässt sich nur damit erklären, dass er Gott ist.
Für alle anderen Götter und Göttinnen hier auf Erden gilt:
Es darf langsamer gehen.
Es darf unfertig bleiben.
Es darf Haare auf dem Teppich geben.
Und manchmal ist Sonntag, obwohl noch längst nicht alles geschafft ist.
